- Was ist zuerst passiert?
- Ich wurde geboren
- Wann ist es passiert?
- 07. Juli 1982
- Was ist sonst passiert?
- Ich bin groß geworden
- Wie endete es?
- Bis heute gar nicht
Ich wurde eigentlich in eine liebevolle Familie hineingeboren. Aber Menschen, die zu dieser Familie gehörten habe dies zerstört.
Als ich 1,5 Jahre alt war kam mein Bruder zur Welt, ein Wunschkind meiner Eltern. Aber meine Oma väterlicherseits duldete nur Einzelkinder. Sie drängte meine Eltern zur Abtreibung, als diese sich nicht beirren ließen setzte sie meinen Vater so massiv unter Druck, dass dieser zum Alkohol griff.
Er kam immer öfter volltrunken heim, schrie meine Mutter in seiner Hilflosigkeit an, schlug sie teilweise. Ich habe mich dann immer ans Kinderbett meines Bruders geschlichen und wenn er von dem Geschrei aufwachte behauptet der Fernseher wäre so laut, er solle beruhigt weiterschlafen. Meine (mir selbst gestellte) Aufgabe war es, ihn zu schützen.
Als ich dann 5 Jahre alt war trennten sich meine Eltern, nachdem mein Vater sogar unsere Möbel verkauft hatte um seinen Alkoholkonsum zu finanzieren. Wir waren in unserem Dorf die ersten Scheidungskinder und den anderen im Kindergarten und später in der Schule wurde von ihren Eltern verboten mit uns zu spielen, wir wären "asozial".
Da fing meine Mutter an hart an ihrer beruflichen Karriere zu arbeiten, denn das ist nach außen hin sichtbar. Wir wurden zu Schlüsselkindern. Ich musste weiterhin die Rolle einer Mutter für meinen Bruder erfüllen, die ich seit meinem 2-3 Lebensjahr innehatte. Nach außen hin hat alles funktioniert, wir waren ja so tolle, selbstständige Kinder, so eine große Hilfe für unsere "arme" Mama.
Dass ich mit 9 Jahren angefangen habe zu trinken, hat keiner gesehen, ich hab den Druck einfach nicht mehr ausgehalten. 10 Jahre lang habe ich meiner Mutter die Bar geplündert, gemerkt hat sie nach eigenen Aussagen angeblich nie was. Es hätte auch nicht in das Bild der "perfekten" Familie gepasst. Also besser nix sehen, nix hören, nix sagen... Hauptsache die schulischen Leistungen stimmten, denn das passt ins Bild, das MUSS einfach so sein.
Mehrere Lehrer und Rektoren sprachen meine Mutter in den folgenden Jahren darauf an, dass ich vielleicht psychologische Hilfe bräuchte, denn ich war sehr aggressiv in meiner Hilflosigkeit, nicht reden zu dürfen um die "Idylle" nicht kaputt zu machen. Aber so etwas passt NICHT ins Bild, wurde weggelacht. Probleme? Gibts bei uns nicht!
Mit 11 fing ich an zu kiffen. Alkohol trank ich ja schon, aber der Rausch reichte nicht mehr um zu flüchten. Die nächsten 14 Jahre gab es keinen Moment in dem ich nüchtern war. Aber ich war ja so gut in der Schule, ich konnte doch keine Probleme haben. Also brauchte ich auch keine Hilfe.
Mit 15 rutschte ich in die Magersucht, nahm in 5 Monaten fast 30 Kilo ab, verweigerte am Ende Nahrung völlig. In der Schule bin ich dann irgendwann völlig entkräftet zusammengebrochen. Krankenhaus? PASST NICHT INS BILD! Meine Mutter holte mich ab, nahm sich 1 Monat Urlaub und päppelte mich mit Haferflocken wieder auf. Psychologische Hilfe? Bei uns gibts keine Probleme, also brauchen wir auch keine Hilfe!
Als ich vor 2,5 Jahren plötzlich an massiver Angstneurose erkrankte, war das für meine Mutter der Weltuntergang, denn sowas konnte man plötzlich nicht mehr verheimlichen und verstecken. Daraufhin hat sie den Kontakt zu mir abgebrochen, schließlich mache ich das nur um ihr ein schlechtes Gewissen einzureden und wer weiß was ich den Psychologen Schlechtes über sie erzähle. Das hat sie nicht verkraftet, es kann doch schließlich nicht so schwer sein, perfekt zu sein, oder?!
Das Ergebnis ist, dass ich keinerlei Gefühle wahrnehmen kann und alles selber machen muss, keine Aufgaben abgeben kann, egal wie sehr ich unter Stress/Druck stehe. Denn nur wenn ich etwas selber mache kann ich darauf vertrauen, dass es perfekt ist.
Stichworte (Tags):
Perfektionismus Mutter Familie Alkohol Drogen Leistung
Vor mehr als 3 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 3 Jahren
Dieser Erfahrungsbericht wurde 469 mal angezeigt.