Kommentare für Erfahrungsbericht Der nette, alte, einsame Mann - wenn die Demenz im Umfeld verkannt wird

Was ist zuerst passiert?
Mein Opas Endstadium und die Erkenntnis seiner Demenz
Wann ist es passiert?
Winter 2007 bis Juni 2008
Was ist sonst passiert?
Der Umzug ins Altersheim erfolgte Anfang 2008.
Wie endete es?
Exitus letalis

Mein Opa mütterlicher seits lebte in einem kleinen Dorf am Rande der Dübener Heide in Sachsen-Anhalt. Er betrieb dort seit Ende der 60er Jahre bis 1995 zusammen mit meiner Oma einen Maschinenbau- und Schlossereibetrieb.

Bereits mit 16 Jahren, nochmals mit 42, nach dem Tode seiner Frau 1995, im Alter von 69 Jahren und in den ersten Milleniumsjahren traten bei ihm starke Wesenveränderungen auf. Meine Mutter beschrieb auch oft, wie sich ihr Vater nach dem "ersten" Herzinfarkt mit 42 rapide veränderte, so dass für mich als Medizinstudent resümierend, ein alleiniger Herzinfarkt nicht Ursache für die Wesenveränderungen und plötzlichen Sprachstörungen (Aphasie) sein kann.

Mit dem Tode seiner Frau im Jahr 1995, veränderte er sich nach einer Woche Bettruhe nochmals zunehmend. Er wollte auch den Niedergang seines mittlerweile veralteten Unternehmens nicht einsehen. Seine beiden Töchter und seinen Sohn griff er zugleich an, wie er sie auch liebevoll um Dinge bittete.

In den Jahren bis 2001 ordnete er sein Leben neu, dann jedoch begann eine schubartige Veränderung seines gesamten Verhaltens. Er wurde mithin immer mehr misstrauischer gegenüber anderen Leuten, hetzte seine Nachbarn mit Gerüchten gegeneinander auf, telefonierte bei Ämtern, Polizei etc. umher, weil er seines Ansinnen nach bestohlen, beobachtet etc. wurde.

Bis Mitte 2007 entwickelte sich die Sprach- und Warnehmungsstörungen zunehmens. Es war nun gänzlich unmöglich eine Unterhaltung mit ihm zu führen, seine Erinnerungen unterschieden nicht mehr zwischen Ereignissen on 1944 oder 2007, trotzdem war sein Bewegungsdrang alle Dinge wie Lebensmittel etc. einkaufen ungebrochen. Die Nachbarn und anderen Dörfler fanden seinen Bewegungsdrang immer recht possierlich, erzählten - wie auch immer - mit ihm, hörten sich seine Verdächtigungen an und gaben ihm oft recht.

Kurz vor Weihnachten 2007 besuchte ich ihn zusammen mit meiner Mutter in seinem Haus mit dem immer noch angeschlossenen und vollfunktionsfähigem Betrieb. Es war jedoch keiner zu Hause. Die Nachbarin schaute etwas mürrisch aus dem Fenster und meinte, sie hätte den armen alten Mann gestern von der Straße gelesen, weil er dort in sich zusammen gesunken war und am Sonntag mit dem Fahrrad Brötchen holen wollte... Sein Haus war eine einziger Müllhaufen. Überall offene Speisen, vergessene Töpfe mit Maden, vollurinierte Sachen zum Trocknen aufgehangen, zerstörte Bücher, zerschnippseltes Papier, auseinandergerissene Hefter, unendlich viele offene Rechnungen.... es nahm kein Ende.

Im Krankenhaus fanden wir nun einen in gerade einmal sechs Monaten völlig abgemergelten, angeketteten, kleinen wirren Mann, von ehemals 90 auf nun 65 Kilogramm. Das kleine Kreiskrankenhaus war mit der Situation gänzlich überfordert, als der freundliche alte Herr in der Nacht doch gänzlich ausgetickt war und mit Kannen nach den Schwestern warf. Daraufhin wurde er in das nächst größere Krankenhaus verlegt, wo sich die Ärzte ihn genauer und vor allem auf der Neurologie untersuchten.

Heraus kamen, nach Anamnese, Computerröntgentomographie der Hirngefäße (AngioCRT) und Magnetresonanztomographie (MRT) eine weit fortgeschrittene vaskuläre Demenz (eine Form von Alzheimer mit Ursache in der fortschreitenden Verkalkung von Hirnarterien), welche auch aufgrund multipler Schlaganfälle der letzten 40!! Jahre, sich in dieser wesensveränderten Form (Schizophrenie) manifesiert hatte.

Danach wurde er Anfang Januar in ein katholischen Pflegeheim überstellt, wo er eigentlich nie hinwollte, es jetz jedoch, stimmungsabhängig, als ganz angenehm empfand.

Wir besuchten ihn noch einige Male im Altersheim in Anhalt, so weit wir es zeitlich aus Berlin konnten.

Im Mai stürzte er zweimal, womit die Demenz auch sein Laufen, andere grobmotorische Bewegungen und eigenständige Nahrungsaufnahme unmöglich gemacht hatte.

Anfang Juni schlief er dann in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni auf der Intensivstation des Krankenhauses ein, nachdem die Demenz sein Atemzentrum im Hirnstamm zerstört hatte...

Im Resümee muss man jedoch festhalten, dass seine Krankheit sicherlich auch schon in den 70ern durch ausreichende Versorgung hinusgezögert hätte werden können, wären seine Schlaganfälle, als solche gänzliche diagnostiziert worden. Desweiteren kommt die Uneinsichtigkeit des Umfeldes dazu, Veränderungen eines Menschen als möglicherweise krankhaft anzuerkennen und sich mit dem offensichtlichen Verfall des menschlichen Körpers bishin zur Abbau der Persönlichkeit auseinanderzusetzen.

Aber vielleicht hilft Betroffenen, Angehörigen mit ähnlichen Erfahrungen oder Nachbarn mit vielleicht ähnlichen Hausbewohnern, über seine eigene Vergänglichkeit und die offenen Augen in Umfeld für andere Menschen zu bedenken und öffnen.

Einen lieben Gruss.



Stichworte (Tags): Agnosie, alte Menschen, alter, alzheimer, Aphasie, Apraxie, arterienverkalkung, Charakter, demenz, Gedächtnis, Kommunikation, Morbus Alzheimer, Nachbar, Nachbarschaft, Neurologie, Persönlichkeit, Pflege, Pflegeheim, Psychologie, schlaganfall, Senioren, Umfeld, vasuläre Demenz

Vor mehr als 3 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 3 Jahren

Dieser Erfahrungsbericht wurde 1814 mal angezeigt.

  • Durch die jahrelange Arbeit in der Kranken-Altenpflege

    Durch die langjährige Erfahrung in der Altenpfleg habe ich auch viele Menschen mit Demenz und Alzheimer gepflegt. Demenz ist nicht gleich mit Alzheimer, die Symtome beider Krankheiten ähnel sich schon sehr. Bei Alzheimer sind die Momente wo noch gute geistige Momente da sind viel weniger, mit Demenzerkrankung. Die Demenzerkrankung ist eine Atherosklerose, bei Alzheimer verschwinden Gehirnzellen, dies nennt man auch Grauzellen werden vernichtet.

    Wer ein Mensch eines von seine Angehörigen zu Hause pflegt mit Alzheimer oder Demenz, vor dem habe ich meine größte Hochachtung. Das ist die schwerste Pflege die es überhaupt gibt. Und das Rund um die Uhr Gutergeist41

  • Mein herzliches Beileid.

    Ich verstehe nicht so recht, hat dein Opa jetzt die Schlaganfälle von der Demenz oder die Demenz von den Schlaganfällen gehabt?

    Meine Oma und Uroma hatten auch beide Azheimer. Aber ich glaube nicht, dass ich so alt werde....

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