Erfahrungsbericht: Einen „Zappelphilipp“ als Enkel

Was ist zuerst passiert?
ein munteres und quicklebendiges Kind wird geboren
Wann ist es passiert?
das ist 15 Jahren her
Was ist sonst passiert?
zusehends Probleme bei der Erziehung
Wie endete es?
Diagnose ADHS, Therapie steht noch aus

Jetzt will ich mich endlich mal hinsetzen und meine Erfahrungen mit meinem Enkel aufschreiben. Bei dem „Kleinen“, er ist inzwischen 15 Jahre alt, wurde vor einigen Wochen ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom) festgestellt. Ich hoffe ganz stark, dass das seinem bisherigen Leidensweg hoffentlich ein Ende setzen wird. Jetzt weiß man wenigstens, was es ist und kann es hoffentlich richtig behandeln. Er hatte es schon immer enorm schwer im Leben und fiel durchweg auf. In der Kindergarten, in der Schule, überall. Aber ich will mal geordnet vorgehen.

Vor 15 Jahren gebar meine Tochter ihren kleinen Sohn. Den Namen will ich hier lieber mal nicht erwähnen, um die Anonymität zu wahren. Wir waren alle überglücklich, denn der Kleine war putzmunter, quicklebendig und kerngesund. So dachten wir jedenfalls anfangs. So sagten es uns auch die Ärzte anfangs. Er wuchs und gedieh prächtig und meine Frau und ich waren stolz einen so schönen Burschen als Enkelsohn zu haben. Auch meine Tochter freute sich. Dass der Erzeuger die beiden kurz nach der Geburt verlassen hatte, war natürlich ein kurzer Schock für alle, aber insgeheim hatten wir damit gerechnet. Diese Pfeife war ja auch zu nichts zu gebrauchen. Ich denke, meine Tochter ist ohne diese Lusche sowieso besser dran.

Mit drei Jahren begannen dann aber die Probleme greifbar zu werden. Als kleiner Einschub: Erste Anzeichen waren wohl auch schon im Säuglingsalter da, die aber hatte keiner so richtig wahrgenommen. Jetzt, im Nachhinein, wissen wir auch, dass die teils häufiger auftretenden Schreianfälle, die Ess- und Schlafprobleme und die allgemeine Unruhe mit dem ADHS zusammenhängen. Wir machten uns damals keine wirklichen Sorgen, denn welches Kind hat so etwas nicht. Doch als Kleinkind wurden die Probleme eben zusehends fassbarer. Der Kleine wurde widerspenstig und störrisch. Auch das ist ja nichts wirklich Beunruhigendes. Aber er konnte sich von Anfang an nicht lange alleine beschäftigen und auch wenn man mit ihm zusammenspielte, wollte er immer ganz schnell etwas anderes machen. In etwas versinken schien ihm schwer zu fallen. Oft erschien er uns auch plan- und ratlos, und das obwohl Kinder doch dafür bekannt sind, einfach drauf los zu spielen. Wir gingen zum ersten Mal zum Arzt, der uns aber nur auslachte und es auf die Persönlichkeit des Kleinen schob. Er hätte es ja auch nicht so einfach ohne Vater, meinte der Mediziner nur.

Im Kindergarten ging es dann weiter und wurde immer schlimmer. Der Kleine konnte nicht still sitzen, sich nicht auf das konzentrieren, was die Erzieherin ihm sagte. Im Bastelunterricht lief er mehrmals davon, was ihm weitere Probleme mit den Erziehern einbrachte. Auch zu Hause tanzte er seiner Mutter zunehmend auf dem Kopf. Ganz allgemein würde ich sagen, kann er Regeln nicht akzeptieren.

Einen richtig schweren Schub setzte dann mit der Einschulung ein. Er hatte sich auch schon gar nicht auf die Schule gefreut, meinte immer, dass ihn das langweilen würde. Und so kam es dann auch. Er konnte kaum 45 Minuten sitzen bleiben, hatte von Beginn an Probleme mit dem Schulstoff. Seine Hausaufgaben erledigte die Mutter. Natürlich machte sich die ganze Familie Sorgen und wir versuchten die beiden zu unterstützen, wo es nur ging. Aber es half alles nichts. Die Probleme wurden immer gravierender. Beim Artikulieren von Gedanken polterte er immer mehr dahin. Die Gedanken flossen nur so ungeordnet aus ihm heraus. Ich glaube, das war es auch, was es ihm fast unmöglich machte, feste Freunde zu finden. Ein garstiger Teufelskreis!

Als Teenager, wenn alle Jugendlichen schwierig werden, nahm es auch beim ihm nochmals zu. Er hatte keine Lust, irgendetwas zu machen. Seine Aggressivität nahm zu, und nun fühlte sich auch seine Mutter komplett überfordert. Wir konnten auch nichts machen. Was hätten wir tun können. Ich versuchte mehrmals mit ihm zu reden. Wo er anfangs noch gehört hatte und immer wieder versprach, sich zu bessern, stieß ich jetzt nur noch auf taube Ohren. Vorläufiger Höhepunkt war, dass er mir, seinem eigenen Opa, der viel Zeit mit ihm verbracht hatte, Prügel androhte. Ich war sprachlos.

Dass der Kleine an ADHS leiden könnte, war uns schon seit einigen Jahren bewusst, aber wir fanden nie einen Arzt, der das bestätigte. Erst vor einiger Zeit gerieten wir durch Zufall an eine Ärztin, die uns einen ausgiebigen Test ans Herz legte. Dem ließen wir dann natürlich machen und dann stand die Diagnose fest: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom kurz ADHS! Meine Frau und ich waren ein wenig erleichtert, weil es nun offiziell ist und wir eine passende Therapie beginnen können. Was jetzt als nächstes kommt, bleibt noch abzuwarten, aber ich werde euch auf jeden Fall informieren. Ich wollte hier einfach mal meine Erfahrungen mit meinem Enkel und der Krankheit ADHS los werden, weil mich das auch schon seit Jahren belastet. Ich hoffe, das hier ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Vielleicht finden sich hier noch Leute, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben? Dann würde ich mich über einen engeren Kontakt sehr freuen.



Bis dahin verbleibe ich mit den besten Grüßen

Holger B.



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Vor mehr als 3 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 3 Jahren

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