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Erfahrungsbericht: Und plötzlich war sie da - die Angst im Alltag - privat wie beruflich!
- Was ist zuerst passiert?
- Angst - vor kleinen wie großen Menschenansammlungen oder auch nur so
- Wann ist es passiert?
- Na so ab 1980 immer mehr
- Was ist sonst passiert?
- Vermeidungshaltung: Stresssituationen aus dem Weg gehen oder Psychopharmaka reinstopfen?
- Wie endete es?
- Sich der Herausforderung stellen und Hilfe annehmen - ambulant wie stationär
Ja, und darum schreibe ich also meinen zweiten Erfahrungsbericht. Thema ist dieses Mal:
Angst in privaten und beruflichen Situationen
- und wie gehe ich am besten damit um?
Eigentlich hat die Entstehung dieses Textes vor ca. 5 Tagen begonnen. Da hatte nämlich jemand Folgendes (auszugsweise) geschrieben:
Zitat: "Hilfe, ich vermeide jeden Augenkontakt! Hoffe hier jemanden zu finden der mir helfen kann. Bin eigentlich eine gesunde junge Frau doch seit ca. 1 Jahr hab ich Probleme Menschen direkt in die Augen zu schauen weil ich mir immer denke das ich sie anstarre was ich glaub ich auch mache. Manchmal kann ich mich nicht mal aufs Gespräch konzentrieren weil ich nicht weiss wo ich hinschauen soll. Einigen Leuten ist es auch schon aufgefallen aber keiner traut sich was zu sagen. Ich weiss nicht wie ich das wieder ablegen kann?! Ich bin doch nicht verrückt oder???....." Ende des Zitats.
Daraufhin habe ich diesem IMEDO-Mitglied folgenden Rat gegeben (Zitat):
".......das klingt nach einer Version von "Soziophobie" - Du entziehst Dich damit nicht nur Deinen Freunden, denn auch wenn Du es wie oben mit dem Telefonieren probierst, werden die Kontakte früher oder später nicht mehr so intensiv sein und im schlimmsten Falle sogar "einschlafen", auch wenn Dir an Deinen Freunden noch so viel fehlt und Du möglicherweise auch ihnen.
Diese Art von Vermeidung ist ein Teufelskreis, denn wenn ich mich etwas Unangenehmen entziehe, dann verlerne ich mit der Zeit, mich diesen Situationen auseinanderzusetzen - eine ausgewachsene Angst entsteht, die Du von alleine nicht mehr in den Griff bekommen wirst!
Bitte suche Dir einen geeigneten Psychotherapeuten aus, der sich mit Deinem Krankheitsbild auskennt, und später wäre dann eine Selbsthilfegruppe vor Ort wichtig, wenigstens für eine gewisse Zeit.
Vermeidungshaltung ist verkehrt: Du weißt sicherlich, dass Leute, die beispielsweise Platzangst oder Höhenangst haben, langsam wieder an solche Situationen herangeführt werden müssen und dann im Rahmen der Therapie lernen, sich diesen eigentlich alltäglichen Situationen zu stellen. Auch ich habe mich so wieder an den Auftritt in der Öffentlichkeit gewöhnt, weil ich Angst vor größeren Gruppen - von ein paar Leuten im Wartezimmer beim Arzt bis hin zur Masse in der Fußgängerzone - hatte. Jetzt bin ich schon viele Jahre einigermaßen fit, nur noch ab und an kommen extreme Situationen wieder einmal vor, aber ich stelle mich diesen Situationen und gehe der Angst nicht aus dem Weg!
Ich wünsche Dir viel Erfolg und alles Gute, und ich würde mich sehr freuen, wenn ich wieder bald etwas über Deine Situation und Deine Fortschritte - egal in welche Richtung auch immer - von Dir hören bzw. lesen würde....." (Ende des Zitats).
Daraufhin bekam ich von der betreffenden Person folgende Rückmeldung (Zitat):
"....Vielen Dank Helmut für deine ehrlichen Worte, es freut mich sehr das du deine Ängste bekämpfen konntest. Hoffe ich schaffe es auch bald wieder normal unter Leute zu gehen oder den Schritt zum Arzt zu machen... Noch bin ich leider nicht soweit und hoffe noch das diese verdammte Angst von heute auf morgen verschwindet..."
Jetzt muss ich aber erst einmal weiter ausholen, denn ich möchte Euch allen einmal erzählen, wie das alles angefangen hat und wie es weitergegangen ist - vor allem, wie ich reagiert habe, und was bzw. wie mir geholfen wurde. Also los:
Zunächst danke für die Rückmeldung: Ich muss natürlich - oder besser gesagt - leider "*****" zustimmen, denn solche Ängste, für die die Umwelt und selbst Freunde, Verwandte und auch Nachbarn - soweit sie dies überhaupt mitbekommen - weder Verständnis noch Mitgefühl haben, kommen meist schleichend, selten ganz plötzlich, aber es ist noch viel langwieriger, diese Ängste, die sich letztlich ja auch nicht nur psychisch in Form von Angst, Furcht, Übelkeit und dann geht es ja auch gleich noch den "typischen" somatischen, also körperlichen Beschwerden weiter, also zugleich mit Übelkeit, Erbrechen, Angstgefühl mit Zittern, bei manchen Betroffenen sogar mit Durchfall von jetzt auf gleich sowie sogar mit Einnässen (je nach Ausprägung und Betroffenheit) bemerkbar machen.
Wenn ich bei Dir, Xxxxxx, die "84" als Jahrgang deute, so war ich nur ganz wenig älter, als ich die gleichen oder ähnliche Symptome hatte, und darum möchte ich mal etwas aus meinem "Nähkästchen" und meinen Erfahrungen plaudern:
Also ob es damals nun ein kleiner Warteraum, ein Wartezimmer beim Arzt mit ein paar Patienten war oder eine S-Bahn, in der einige Leute saßen oder ob es sich ganz besonders schlimm in so einer vollen Fußgängerzone, prall mit Fußgängern, Einkäufern, Hausfrauen, Spaziergänger oder sonst etwas war - ich hatte tierische Probleme, furchtbare Angst! Warum und wie sich das alles entwickelte - heute weiß ich es gar nicht mehr so genau.
Sonderbar war beispielsweise, wenn ich zu Fuß auf dem Weg zu meinem damaligen Hausarzt war, dann hatte ich kaum das Haus verlassen und war ein paar Meter gegangen - spätestens nach der ersten Ecke war es schon nicht mehr zum Aushalten: Schmerzen im Magen-Darm-Bereich, Krämpfe, Blähungen als müsste ich auf der Stelle in die Hose machen, dann ein Druck auf der Blase - die ich doch eben noch beim Verlassen der Wohnung absichtlich geleert hatte - da konnte ja eigentlich gar nichts mehr drin sein oder zumindest konnte meine Blase noch nicht wieder gefüllt sein! Einfach unmöglich!
Und doch: Sobald ich dem Zwang nachgab und meine Füße wieder den Heimweg antreten konnten, lockerte sich alles wieder. Es war einfach unbegreiflich!
Hätte ich in diesem Moment Urin abgeben sollen, wäre höchstens mal der Boden eines kleinen Schnapsgläschens benetzt gewesen - jetzt nur mal so als Vergleich, was für ein Druck dahinter war: Als hätte ich seit Stunden keine Toilette mehr gesehen, und wenn ich dann etwas auf der Toilette abgegeben hatte, war es der Mühe einfach nicht wert!
Und ebenso krass war es, dass alles, was für mich Stress bedeutete, gleich auf den Magen bzw. den Darm schlug: S-Bahn fahren zu müssen, das war für mich so etwa um 1980 herum ganz schrecklich: Ich war damals privat in meiner Freizeit am Wochenende auf einer S-Bahn-Strecke unterwegs, die vielleicht so um die zehn bis fünfzehn Stationen hatte, einmal so fix und alle, dass ich es wirklich nur so schaffte, dass ich nach jeder Station ausgestiegen bin und dann versuchte, mich wieder und wieder durchzusetzen und mich erneut in die S-Bahn setzte. Irgendwann auf halber Strecke ging es einfach nicht mehr - nicht wegen des Zeitverlustes, sondern einfach wegen der Angst, der Schmerzen, der Beschwerden usw. .....
Wer so etwas noch nie mitmachen musste, der denkt, dass "diese Person spinnt": Wie soll man denn jemandem erklären, wie es einem in solch einer Situation geht, wenn es für den Gegenüber, "dem Otto und der Ottilie Normalverbraucher", doch ein völlig normaler Vorgang aus dem Alltagsleben ist?
Es nützt Dir und mir aber nichts, da etwas mit Psychopharmaka zu dämpfen - es gelingt zwar für einen Moment oder für dieses Mal, aber wenn Du das einige Male machst und die Angst dadurch erfolgreich unterdrückst, dann glaube bloß nicht, dass Du dann irgendwann wieder einmal "normal reagieren kannst, so wie es die Umwelt von Dir erwartet!" Du lernst stattdessen, mit diesen Medikamenten, die leider verdammt noch mal eine doppelte Gewöhnungsgefahr haben, zu leben:
a.) Du kannst nur das, was erwartet wird, tun, wenn Du das Medikament nimmst, und
b.) Du glaubst mit der Zeit, dass Du es niemals mehr ohne dieses Medikament schaffst!
Egal ob Du das mit dem Medikament jetzt Gewöhnung oder Abhängigkeit nennst: Es ist ein Teufelskreis!
Und jetzt gehe mal ein paar Jahre so mit Dir um, und wenn Du es ohne "Dope" nicht schaffst, dann lässt Du es eben: Vermeidungshaltung eben: Allem, was unangenehm sein könnte, wird aus dem Weg gegangen. Jedenfalls, wenn es nicht zwingend für Dich und Deine Arbeit oder Dein Leben notwendig ist!
Und nun spinne ich mal meine Situation weiter - so wie es sich auch in der Realität zugetragen hat: Menschenansammlungen - ein Graus! Und was habe ich gemacht? Hmmm, ich will nicht angeben, aber ich konnte und wollte so nicht mehr weitermachen. Mein Job - ich war damals bereits als Schwerbehinderter anerkannt und hatte einen entsprechenden Ausweis - machte es irgendwie notwendig - auch und gerade auf Drängen meiner anderen Kollegen, dass ich mich sowohl als Kandidat für den Personalrat als auch um das Amt der Schwerbehinderten-Vertretung (= das ist sozusagen eine spezielle Interessensvertretung der Kolleginnen und Kollegen der gleichen Dienststelle, die selbst eine Schwerbehinderung aufweisen) habe aufstellen lassen.
Ich und Massenveranstaltungen? Ach Gott, wie soll das denn gehen? Erst später, also nach der Wahl, wurde mir erst so richtig bewusst, auf was ich mich da eingelassen hatte! Dass es mich dann voll erwischte, war der Hit, denn ich wurde auch noch tatsächlich als 1. Vertrauensmann (mit zwei Stellvertretern) gewählt und musste dem Gesetz entsprechend eigenständig Versammlungen vorbereiten und abhalten. Dann musste ich sogar noch bei den Personalversammlungen nicht nur vor den ebenfalls behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern vor dem gesamten Personal und sogar vor dem Chef, unserem Direktor, Reden halten, Geschäfts- und Tätigkeitsberichte vortragen und dann auch vor der Personalführung, dem Chef und den entspr. Abteilungsarbeitern in den einzelnen Personalfällen verhandeln. Und dabei ging nicht alles nur schriftlich, sondern eben vieles auch nur in persönlichen Verhandlungen!
Leute, ich kann nur sagen: Ich habe es mir eingebrockt - und ich habe mich dieser Aufgabe gestellt! Ja, und nur dadurch habe ich mit der Zeit gelernt, immer lockerer vor versammelter Mannschaft vorne am Pult zu reden. Auch den "Pudding in den Knien" usw. habe ich kennen gelernt, und dabei auch gelernt, mich diesem Streß zu stellen. ICH wollte es, jawohl! Und so habe ich es geschafft, für die Schwerbehinderten-Vertretung und zeitweise auch in doppelter Funktion als Personalratsmitglied (sozusagen in Personalunion) tätig zu sein und die Interessen zu vertreten. Und insgesamt hat mich diese Arbeit ja auch irgendwie fasziniert, denn ich konnte da auch etwas für die betroffenen schwer behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun - insgesamt von 1985 bis einschl. 2005. Hinzu kamen natürlich auch noch Schulungen und Tagungen auf Amts- und Bezirksebene, sowohl über die Ebene der Dienststelle als auch auf Länderebene und dazu auch noch die aktive Mitarbeit bei der Gewerkschaft. So bin ich auch mit meiner Arbeit gewachsen und gleichzeitig noch mit meinem Stress immer besser zu recht gekommen.
Wer aber meint, dass man dann irgendwann einmal sozusagen vor solchen Stressfaktoren keine Angst mehr haben muss, der täuscht sich: Man muss sich immer wieder auf's Neue solchen Herausforderungen stellen, denn sonst kommt das Beschwerdebild wieder durch!
Man kann sich auch selbst neue Herausforderungen suchen, um auf diese Weise das Wiederauftauchen dieser oder ähnlicher Symptome zu verhindern. Bei mir ist es beispielsweise derart, dass ich bei der Gründung einer bundesweiten Selbsthilfegruppe - nicht was diese Angst betrifft - aktiv dabei war und zunächst über Eigeninitiative Presse- und Öffentlichkeitsarbeit übernahm, wobei viele Dinge erst einmal über das Internet gelaufen sind. Als ich danach auf der kommenden Mitgliederversammlung offiziell zum Pressesprecher in den Vorstand gewählt wurde, stand ich nicht nur auf unseren jährlichen Tagungen mit im Blickpunkt, sondern ich hatte auch den Kontakt zu den Damen und Herren der Presse und Medien (Zeitung, Rundfunk, Fernsehen) und auch die engen Kontakte zu unseren Mitgliedern, die nicht nur in Deutschland wohnen, sondern eben auch in Schweden und Finnland bis hinunter nach Österreich und der Schweiz, was mir auch sehr viel wert ist und was auch von ihnen sehr viel an Vertrauen wieder an mich zurückgibt, so wie ich ja auch beispielsweise hier bei IMEDO viele neue Freunde gewonnen habe.
Jetzt habe ich schon so viel über mich geschrieben, dass ich glaube, mich Euch, "Fabienne84" und "opera" sowie natürlich auch allen anderen Mitgliedern hier auf dieser IMEDO-Gesundheitsseite recht genau vorgestellt zu haben und dass ihr alle mich so kennen lernen konntet, wie es mir damals mit meinen Ängsten und gesundheitlichen Problemen - kurz mit meinem eigenen psychosomatischen Krankheitsbild - gegangen ist. Und glaubt nicht: "Einmal überstanden - für immer geheilt! Rechnet damit, dass sich so etwas sehr sehr lange hinziehen kann und teils mit eisernem Willen, auf alle Fälle aber auch mit fachlicher Führung, also ambulanter und / oder stationärer Behandlung geändert werden kann und dass solche Situationen auch nach Jahren manchmal immer wieder auftauchen können.
So, und wer jetzt so lange bei meinem Geschreibsel ausgehalten hat, der- bzw. diejenige wird bei nächster Gelegenheit von mir extra mal gedrückt! **gg**
Ich wünsche Euch - "Xxxxxx" ebenso wie "*****" und natürlich auch allen IMEDO-Mitgliedern viel Kraft zum Durchhalten.............Helmut
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Vor mehr als 3 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 3 Jahren
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