- Was ist zuerst passiert?
- Ich habe einen simplen, blöden Papierkorb geleert
- Wann ist es passiert?
- vor ungefähr einem halben Jahr
- Was ist sonst passiert?
- auf einmal hatte ich diese scheiß Kanüle im Finger stecken
- Wie endete es?
- Meine Uhr läuft, ich habe HIV und werde wohl bald sterben
Hallo an alle, ich bin der Kalle. Seit etwa einem halben Jahr verfolge ich als Gast hier die ganzen Berichte und Beiträge und das hat mir stellenweise sehr geholfen. Daher habe ich beschlossen, meinen schlimmsten Schicksalsschlag hier zu veröffentlichen, damit andere von dieser Erfahrung profitieren können. Es war ein schlechtes Jahr gewesen. Ich hatte meinen Job verloren und war im Großen Ganzen ziemlich knapp bei Kasse. Nicht dass ich es nicht gewohnt wäre, aber seit Harz IV wird ja nun wirklich niemand mehr mit Geld beworfen in diesem unserem Lande. Also , kurz gesagt, ich habe nach einem kleinen Nebenjob gesucht und habe auch schnell etwas gefunden. Ich bekam in meiner kleinen Stammkneipe die Möglichkeit, mir ein paar Euro dazu zu verdienen, indem ich nach Feierabend, also früh morgends, sauber machte. Dazu gehörte neben dem Tresen, den Tischen und dem Fußboden auch die Aufgabe, die Papierkörbe zu leeren. Also, nicht gezögert und frisch ans Werk, dachte ich mir und machte mich an die Arbeit. Es lief auch alles ganz prima an und ich hatte in der Woche zwanzig Euro mehr zur Verfügung. Dann kam allerdings der Tag, bzw. der Morgen, an dem mein ganzes Leben sich verändern sollte. Ich war wieder mal mit Wischmop und Besen unterwegs und hatte bereits die ganze Kneipe einmal durch. Das einzige, was jetzt noch fehlte waren die Papierkörbe. Also fing ich beherzt an, die Dinger leer zu räumen, als ich plötzlich einen scharfen Schmerz am rechten Zeigefinger verspürte. Ich ziehe also meine Hand 'raus und was sehe ich- da steckte doch tatsächlich ein Kanüle in meinem Finger. Ich habe erst mal einen Riesen Schrecken gekriegt und habe die Kanüle rausgezogen und in den Mülleimer verfrachtet. An diesem Morgen habe ich nicht mehr weiter aufgeräumt sondern bin schnurstracks zum ärztlichen Notdienst. Der dortige Arzt hat mich erst einmal gründlich auf den Pott gesetzt. Ob ich denn wohl völlig verrückt wäre, ohne Schutzhandschuhe mit bloßen Händen in fremden Mülleimern herumzuwerkeln. Heute weiß ich, dass er recht hat, aber damals, da wäre ich im Traum nicht darauf gekommen, dass irgend so ein dämlicher Junkie seine Nadel ausgerechnet bei uns in den Eimer schmeißen würde. Jedenfalls hat er mich sofort mit irgendeinem Mittel geimpft, um evtl. Infektionen schon mal im Ansatz zu unterbinden. Nach sechs Wochen sollte ich wieder kommen. Gesagt getan. Nach sechs Wochen war ich wieder bei ihm und habe mir Blut abnehmen lassen. Das Blut kam ins Labor und nur eine Woche später hatte ich dann das Ergebnis. Heute weiß ich, dass ich HIV positiv bin. Die verdammte Kanüle war tatsächlich mit Viren verseucht und der winzige Piekser hat völlig ausgereicht, um meinem Leben ein baldiges Ende zu setzen. Es geht mir zwar nicht schlecht, die Krankheit ist noch nicht ausgebrochen und ich hoffe auch, dass sie sich damit noch viel Zeit lässt. Aber irgendwann, dass weiß ich, wird der Tag kommen und vor diesem Tag habe ich richtig Angst. Inzwischen bin ich wieder solo, meine Freundin hat mich verlassen, als sie davon erfahren hat. Das hat mich furchtbar enttäuscht aber was kann man schon anderes erwarten?
Jedenfalsl traue ich mich jetzt nicht mehr, mit irgendeiner Frau an zu bandeln. Nachher will sie noch mehr von mir und dann müsste ich ihr erzählen, warum das leider nicht drin ist. Davor fürchte ich mich fast so sehr wie vor dem Tod, dass die Leute auf einmal zu tuscheln beginnen wenn ich 'reinkomme. Im Moment lerne ich, die restlichen Tage meines Lebens zu genießen. Dazu muss ich mich zwangsläufig mit meinem bevorstehenden Tod auseinander setzen. Und auch mit meinem Leben, denn mir stellen sich jetzt erst die Fragen: Was hast Du erreicht? Habe ich denn Zweck meines Daseins verfehlt oder ist das vielleicht gar nicht möglich, weil das Dasein reiner Selbstzweck ist? Hätte ich mehr daraus machen können oder ist es gut so wie es ist?
Und noch etwas sehe ich auf einmal. Es gibt jedes Jahr mehr Menschen, die ich in irgend welchen Papierkörben herum wühlen sehe. Fast immer sind es ältere Menschen, Rentner, ehemalige Trümmerfrauen und überhaupt Menschen, die ein Leben lang gearbeitet haben. Die Einen suchen etwas zu Essen (Mensch, wir leben in Deutschland), die anderen suchen nach Pfandflaschen oder sonst irgend etwas verwertbarem. So wie ich mein Leben verbracht habe, in Arbeitslosigkeit mit minimalem Einkommen, konnte ich selbst keinerlei Rücklagen anlegen. Für mich heißt das, dass auch ich, wenn ich nicht mehr so richtig kann, in Papierkörben und Mülleimern werde suchen müssen, ob ich vielleicht was zu essen finde. Denn dieser 'Sozialstaat' verrät seine Bürger in dem Maße, in dem er sie im Stich lässt.
Stichworte (Tags):
Aids, HIV, Infektion, Stichverletzung
Vor mehr als 3 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 3 Jahren
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