- Was ist zuerst passiert?
- wir haben geheiratet
- Wann ist es passiert?
- vor vielen Jahren
- Was ist sonst passiert?
- wir hatten einige Probleme
- Wie endete es?
- wir leben getrennt und sind sehr gute Freunde
Aus eigener Erfahrung weiß ich wie wichtig es ist, wenn man seine Probleme anderen mitteilt. Um nicht nur von ihnen Ratschläge zu erhalten oder Worte zu hören, die einen zum Nachdenken bringen, sondern auch um anderen Menschen zu sagen: „Ihr seit nicht allein. Auch andere haben solche Probleme. Ich kann Dir helfen sie zu lösen.“
Das ich und mein Mann Eheprobleme haben und nicht nur Ich an den Problemen Schuld bin, dass habe ich mir erst nach Jahren eingestanden.
Wir haben in unserer Ehe viele Fehler gemacht. Ein großer Fehler war das wir viel zu früh geheiratet haben. Wir waren gerade erst 21, in der Berufsausbildung, zum ersten Mal richtig verliebt und wohnten noch bei unseren Eltern. Unsere Beziehung war wunderschön. Er hat mich auf Händen getragen, mir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen und war immer für mich da wenn ich ihn brauchte. Ich fühlte mich wie eine Prinzessin und war mir wirklich sicher, dass er der Mann (der Prinz) meines Lebens ist. Deswegen zögerte ich kein bisschen als er mir an einem genauso wunderschönen Wintertag einen Antrag machte. Wir gingen durch den Park in meinem Heimatort. Die Äste der Bäume waren ganz weiß vom Schnee, die Lichter der Laternen und der geschmückten Bäume glitzerten in der sternenklaren kalten Nacht. Und dann fing es auch noch ganz leicht an zu schneien. Es war alles so perfekt. Dann kniete er sich plötzlich vor mich und fragte mich diese Frage, die doch jedes Mädchen mindestens einmal im Leben hören möchte. Ich sah zu ihm, sah wie die Schneeflocken auf seiner Haut genauso hinschmolzen wie ich es tat in diesem Moment und sagte: JA.
Ich war überglücklich. Ich hatte meinen Traummann, der mich auch wollte, mit dem ich endlich zusammenziehen kann, weg von zu Hause, um ein gemeinsames Leben zu beginnen. Ein Karrieremensch war ich nie gewesen. Mein Wunsch war immer einen ganz normalen Job zu haben und eine Familie zu gründen. Denn eine eigene Familie zu haben mit mindestens zwei Kindern war mir schon immer wichtiger als einen Job hinterher zu rennen um das große Geld zu machen. Das große Glück auf Erden war für mich die Familie.
In den ersten beiden Jahren war unsere Ehe einfach wunderbar. Ich genoss unser gemeinsames Leben: die Zweisamkeit, das Kuscheln abends auf der Couch, das gemeinsame Abendessen, den tollen Sex, die Schmetterlinge im Bauch. Der Höhepunkt unseres Glücks war die Geburt unseres Sohnes. Wir beide haben uns das Kind gewünscht und haben uns sehr auf unseren Sohn gefreut. Das dachte ich zumindest- dass mein Mann sich auch freut. Kurz nach seiner Geburt fing es in unserer perfekten zuckersüßen Welt an, kleine Zuckerbrocken zu regnen. So sachte und so langsam, dass ich es gar nicht bemerkte oder es nicht bemerken wollte.
So ganz langsam entfernte er sich immer mehr von mir. Er hatte immer weniger Zeit mit mir auf der Couch zu kuscheln (was unser Ritual geworden ist), verbrachte die Abende nur noch mit seinen Jungs, war zum Abendessen kaum noch da, um unseren Sohn kümmerte er sich auch nicht so wirklich (er hatte ständig ausreden, wenn er ihn mal wickeln sollte oder einfach mal mit ihn spielen wollte) und er beachtete mich kaum (nur oberflächlich). Anfangs habe ich mir darüber nicht so viele Gedanken gemacht, denn er hatte mit Sicherheit auf Arbeit sehr viel um die Ohren, da er gerade mit der Ausbildung fertig war und fest übernommen wurde. Außerdem hatte ich einfach genug zu tun mit unserem gemeinsamen kleinen Sohn und mit meinem eigenen Job den ich ein paar Stunden am Tag von zu Hause aus ausübte. Ich dachte, dass es nur eine Phase ist und sich alles von allein wieder einrenkt.
Eines Abends traf ich beim Einkaufen im Supermarkt eine Freundin, die mich irgendwann im Gespräch fragte, wie es denn meinem Mann ginge. Ich war sehr verwundert über die Frage, da sie doch in dem Bowlingclub arbeitet in dem er ständig mit seinen Freunden hingeht. Sie erzählte mir aber etwas anderes und zwar das er schon seit Monaten nicht mehr da war. Seine Jungs waren wohl ab und zu da, aber nicht mit ihm. Ich wunderte mich zwar sehr, aber warum hysterisch werden, wenn es doch vielleicht eine ganz logische Erklärung für das gab. Vielleicht war er auch in einem ganz anderen Bowlingcenter. Verrückt machen ließ ich mich nicht und wollte ihn darauf auch nicht ansprechen. Ich wollte einfach nicht als hysterische und hinterher spionierende Ehefrau auftreten (jetzt weiß ich, dass ich einfach die Augen nicht aufmachen wollte).
Meine Augen wurden aber sehr bald geöffnet: Es war mein Geburtstag und ich bin davon ausgegangen das sich mein Mann wie jedes Jahr auch, frei genommen hat und wir den Tag gemeinsam miteinander verbrachten. Morgens sagte er mir beim Frühstück brühwarm, dass er doch nicht frei hätte, denn es ist auf Arbeit ein großer Auftrag dazwischengekommen und er sogar bis in den Abend hinein arbeiten müsste. Okay, dachte ich, dann ist es vielleicht so, aber er hat es einfach so gesagt. So ohne Gefühl. Als könnte er nichts fühlen. So wie er sich in der letzten Zeit andauernd verhält (und ich einfach keine Kraft hatte, ihn darauf anzusprechen). Als würde es ihn überhaupt nicht leid tun. Denn das war es was mich gekränkt hat und nicht die Tatsache dass er nicht kann.
Ich streifte das ungute, störende Gefühl von mir und verbrachte den Tag mit meinen engsten Freundinnen in einem Wellness-Tempel. In unserem Lieblingsrestaurant ließen wir den Tag bei Wein und Pasta ausklingen. Als ich auf dem Weg zur Toilette war, traf ich überraschend auf den Arbeitskollegen meines Mannes. Wir unterhielten uns kurz und kamen zufällig auf das Thema Arbeit. Ich erzählte ihn, dass ich es blöd finde dass er gerade an meinem Geburtstag länger arbeiten muss und er überhaupt letzter Zeit öfter länger arbeitet und was das für ein Riesenauftrag ist. Er schaute mich verwundert an und meinte, dass er seit Wochen der Letzte ist der im Büro Feierabend macht und mein Mann immer pünktlich nach Hause geht. Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken! Ich kam mir so blöd vor. Ich fühlte mich verraten. Wenn ich dieses Anzeichen nun nicht sehe, dann sind keine rosa Brille oder Scheuklappen Schuld, sondern dann bin ich blind. Aber meine Augen waren diesmal offen.
Wie gelähmt habe ich schnell den Mädchentag beendet und bin nach Hause gefahren. Ich musste allein sein und erstmal durchatmen. Mir kam es so vor, als hätte mir jemand eine Pfanne an den Kopf geknallt, damit ich endlich diese Anzeichen für unsere Eheprobleme wahrnehme und auch endlich ernst nehme. Die ganze Zeit habe ich die vielen Zeichen verdrängt, denn ich lebte immer noch in meiner mit Zuckerguss überzogenen Welt und wollte nicht wahrhaben, dass der Zucker schon weg ist. Ich fragte mich, was nun aus mir wird und aus unserem kleinen Sohn und was ich denn nun ganz allein machen soll. Ich war kurz davor durchzudrehen. Ich hatte solche Angst die Wahrheit zu erfahren.
Aber es half alles nichts. Ich musste da jetzt durch und ging nach Hause und wartete auf meinen Mann. Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, ob er nun wirklich bei einem anderen Mädchen war, wer sie war und ob sie wusste, dass er verheiratet ist und ein Kind hat. Ich war kurz vorm durchdrehen.
Zum Glück kam er dann wenig später, denn diese Ungewissheit war die Hölle. Ich bat ihm sich zu mir zu setzten und dann sprudelte alles aus mir heraus, wie ich über ihn denke und wie ich mich fühle. All die Gefühle die ich so lange verdrängt habe. Danach habe ich mich endlich erleichtert gefühlt, als hätte mir jemand eine große Last abgenommen. Mein Mann sah mich an und er sah nicht überrascht aus. Dann erzählte er mir alles. Das er mit der ganzen Situation überfordert ist, er sich gefesselt fühlt und das alles so schnell geht. Erst die Heirat, die er ja wirklich wollte und dann unser Kind. Mit der Zeit hat er erst gemerkt, dass es ihn alles viel zu schnell geht und dass er doch noch so viel vorhat. Wenn er jetzt mit Mitte 20 schon verheiratet ist und ein Kind hat, wie ist es dann in 10 Jahren? Was ist bloß dann wenn man in Sache Familie schon alles hat. Mit einem anderem Mädchen hat er sich tatsächlich auch getroffen, mir mehreren sogar.
Ich musste erstmal kräftig schlucken. Aber eigentlich habe ich mir das ja schon die ganze Zeit gedacht, habe es aber verdrängt. Solche Angst hatte ich vor den Konsequenzen. Nun musste ich aber da durch. Es war ja klar, dass der Tag kommt.
Die ganze Nacht haben wir uns unterhalten, um herauszufinden wie wir uns fühlen, was wir von unserer Beziehung erwarten und wie es weitergeht. (Am liebsten wäre ich aus der Wohnung gerannt, ganz weit weg.) Da wir schon verheiratet sind und auch schon ein Kind haben, müssen wir auch die Verantwortung tragen. Zum Glück war auch er der Meinung. Wir haben jede Menge Kompromisse geschlossen. Ich habe ihn sehr viel Freiraum gegeben, so dass unsere Beziehung nicht mehr als Ehe wirkte. Ich bin sehr viel offener geworden und habe gleich jedes Problem angesprochen und wir haben darüber geredet.
Es funktionierte anfangs wirklich sehr gut. Irgendwann kam es mir aber so vor, als würde er alles machen können und nur ich diejenige bin die zurückstecken muss, damit ihr Mann das „verlorene Leben“ nachholen kann. Als wäre die ganze Verantwortung, vor allem mit unserem Kind, nur bei mir. Ich hatte solche Angst, dass er sich wieder gefesselt fühlt und sich wieder mit andern Mädchen trifft. Dem Problem bin ich sogar so entgegengetreten, dass ich ihn oft in den Swingerclub „entführt“ hatte. Denn so hatte ich ihn in Blick und so kann ich kontrollieren, ob er etwas mit einer anderen Frau hat.
Wenn ich das hier lese was ich schreibe, kann ich selbst kaum glauben das ich das alles getan habe. Das bin nicht mehr Ich gewesen. Das ich mich einen Mann so sehr unterwerfe, nur um ihn zufrieden zu stellen damit er mich nicht verlässt. Nicht er war das wirkliche Problem, sondern ich stand mir in den Weg. Ich hatte solche Angst allein zu sein, dass ich mich selbst zurückgestellt habe und immer unglücklicher wurde.
Ich habe es ihn erzählt und er versprach rücksichtsvoller zu sein und das er sich wirklich nicht mehr mit anderen Mädchen trifft. Versucht habe ich es ja mit uns, aber ich konnte ihm nicht mehr vertrauen, so sehr ich es auch wollte. Ich musste immer mit der Angst leben, dass er wieder fremdgeht und ich zerbrach schon fast an den Gedanken daran. Ich wollte endlich wieder ein Leben ohne Sorgen und Ängste um den Mann und um meine Beziehung mit ihm.
Seit einem Jahr wohne ich mit meinem Sohn allein. Ich genieße momentan sehr die Unabhängigkeit. Niemand kann mein Leben so wie es jetzt ist zerstören, denn ich bin Herr meines Lebens. Angst haben muss ich jetzt nicht mehr. Von meinem Mann habe ich mich zwar vorübergehend getrennt, aber wir sind nicht geschieden. Wir lieben uns ja immer noch und wollen uns Zeit geben. Ich muss mit mir endlich im Reinen sein und er mit sich. Mal sehen, vielleicht werden wir wieder ein Paar oder vielleicht auch nicht. Aber auf jeden Fall werden wir sehr gute Freunde sein.
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Vor mehr als 3 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr
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