Erfahrungsbericht: Suizid - Hinterbliebene müssen damit weiterleben

Was ist zuerst passiert?
Suizid - Versuch meines Mannes
Wann ist es passiert?
am 30.12.2008
Was ist sonst passiert?
10 Wochen zwischen Hoffen und Bangen auf der Intensivstation
Wie endete es?
mit seinem Tod am 9. März 2009

Mein Mann hat am 30.12.09 einen Suizid - Versuch unternommen.

Er hat m e i n Insulin genommen und sich eine Überdosis gespritzt.

MeineTochter (23) hat ihn aufgefunden und den Notarzt gerufen.

Er kam ins Krankenhaus und wurde noch am selben Tag in eine Speziaklinik geflogen.

Durch die Bewustlosigkeit (wir wissen nicht wie lange) und Unterversorgung des Gehirns mit Sauestoff ud Zucker erlitt er einen schweren hypoxischen Hirnschaden.

Zunächst lag er im künstlichen Koma. Nach dem "Aufwachen" wurde das ganze Ausmaß sichtbar.

Er lag ständig krampfend im Bett, mußte zu seinem eigenen Schutz fixiert werden und war unfähig zu kommunizieren. Niemand konnte sagen was er bewußt oder auch unbewusst mitbekam.

Am schlimmsten war dieser leere Blick !

Gegen die Krämpfe und damit der Kreislauf einigermaßen unten blieb, bekam er schwere Beruhigungsmeikamente. Der Arzt meinte sie wären so stark, da würden andere Menschen mit operiert werden.

Meine Tochter, mein Sohn und ich sind in den 10 Wochen durch die Hölle gegangen. Immer ein klein wenig Hoffnung und dann doch wieder Traurigkeit das aber auch nicht der kleinste Fortschritt in Besserung war.

Am 9. März hatte die Quälerei für ihn ein Ende gefunden.

Nur für mich und die Kinder geht sie weiter. Fragen nach dem Warum, hätten wir es verhindern können?

Dazu unterschwellige Schuldgefühle meinerseits.

Schließlich hatte ich mich im August 2008 von ihm getrennt obwohl ich wußte dass er an Depressionen litt. Ich habe ihn erst im Frühjahr einer Behandlung zugeführt. Leider hat er sie sehr schnell abgebrochen und meinte ich wolle ihm das nur einreden.

Seine Krankheit äußerte sich in Verfolgungsängsten, insbes. gg. mich. Ständige Kontrollen durch Anrufe, Nachsehen meiner Sachen und Unterstellungen ich würde fremdgehen waren an der Tagesordnung. Eigene oder gemeinsame Unternehmungen zu zweit oder mit Freunden waren kaum noch möglich. Auch da kontrollierte er mich. War ich fröhlich legte er es mir als Oberflächlchkeit und Gleichgültigkeit ihm gegenüber aus. Ich passte sehr auf was ich sagte und tat. Und doch war es nie richtig.

Dazu kamen ständige Vorwürfe dass ich auf Grund meiner hier schon erwähnten Krankheiten auf dem hiesigen Arbeitsmarkt kaum Chancen hatte und somit keinen eigenen finanziellen Beitrag zur Haushaltskasse beisteuern konnte. Ich lebe auf seine Kosten und ließe es mir dabei gut gehen hielt er mir ständig vor.

Er machte mir ein Zusammenleben unmöglich. Und doch liebte ich ihn ja noch, denn 30 gemeinsame Jahre wirft man eben nicht mal so einfach weg.

Reden konnte ich mit niemandem. Entweder er wollte es nicht oder ich fand kein Gehör. Meine damalige Therapeutin bei der ich sowiso in Behandlung war, machte mir zwar den Ernst seiner Depressionen klar, konnte mir aber auch nicht weiterhelfen.

Eigentlich wollte ich ihn mit der Trennung nur "wachrütteln". Leider ging das komplett nach hinten los.

Was folgte waren Monate eines ewigen Hin und Hergerissen seins.

Er zahlte erst unregelmäßig Unterhalt, später gar nicht mehr, so dass ich Harz IV beantragen musste. Die Agentur war durch das Hin und her so "verwirrt" dass sie es nicht schaffte meine Ansprüche auszurechnen, geschweige denn geregelt zu zahlen.

Einerseits beteuerte er jedoch ständig wie sehr er unter der Trennung leide, andererseits drängte er auf meinen schnellstmöglichen Auszug aus dem gemeinsamen Haus. Ich hätte kein Recht darauf, da ich ja nichts dazu beisteuere.

Zudem verlangte die Arbeitsagentur von mir den Umzug in eine kleine Wohnung.

Also tat ich im Dezember wie von allen gewollt. Ich fand eine kleine Wohnung ganz in der Nähe, so das ich meinen Mann weiter unterstützen könnte, was ich ihm auch so sagte.

Das war wohl zu viel - ich weiß nicht was ich noch hätte tun können.

Über die Feiertage bin ich verreist, jedoch nicht ohne dafür zu sorgen dass mein Mann durch die Kinder Gesellschaft hatte.

Und trotzdem hat er sich entschieden aus dem Leben zu gehen.

Ich weiß dass er krank war, aber ich konnte ihm nicht helfen, so sehr ich es auch gewünscht habe.

Hinzu kommen Kommentare aus dem Dorf wie: "...hätte sie ihn nicht verlassen...; es war zu viel für ihn bis hin: da haste ja Glück, jetzt bist du lustige Witwe und kriegst auch noch Rente".

Der Schmerz, die Trauer, Ratlosigkeit, ja auch manchmal ein klein wenig Wut, vor allem aber die Angst wie es jetzt weiter gehen soll - wohnt jetzt in uns und wir müssen irgendwie damit klar kommen.

Trotzdem bereue ich nicht einen Tag mit meinem Mann. Es waren Jahre mit vielen Höhen und Tiefen die ich nicht missen möchte.

Ich will am 28. März ein würdevolles Begräbnis herrichten. Ich habe riesige Angst davor. Denn die Familie hat leider ein Gerüst aus Unwahr- und Halbwahrheiten um seinen Tod aufgebaut. Ich verstehe sie auch irgendwie, weil es ja so unwahr scheint.

Ich bin bei der Wahrheit geblieben. Somit ist die Trauergesellschaft gespalten. Nicht mal seine eigene Mutter weiß genau Bescheid. Sie is 90 Jahre alt und versteht das nicht meinen die anderen.

Außerdem mag sie mich nicht und gibt mir sowieso die Schuld (stimmt wirklich).

Ich hoffe das ich das gut meistere und danach erst mal zur Ruhe komme.

Der Rucksack, den ich trage ist zu schwer geworden.



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Kommentare

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  • Hallo Murmel278

    Es tut mir leid was Euch wiederfahren ist.

    Wie geht es Euch jetzt, seid ihr zur Ruhe gekommen. Haben sich die Behördengänge gelegt.

    Ihr habt ein schweres Schicksal hinter Euch. Ich denke es wird seine Spuren in Eurem Leben hinterlassen. Doch Schuldgefühle dürft ihr Euch nicht einreden. Ihr hättet den Selbstmord nicht verhindern können.

    Wie Du schreibst war Dein Mann depressiv. Auf Grund dieser Depi hatte er Selbstmordgedanken.Ob sie durch die Trennung ausgelöst wurden oder schon vorher in ihm arbeiteten wer weiß das.

    Ihm hätte vielleicht eine lange Behandlung gehofen. Doch was willst Du machen wenn er sie abbricht.Es ist sehr schwer einem depressiven Menschen zu helfen und auch mit ihm zu leben.

    Ich möchte Euch wünschen, das wieder Ruhe in Euer Leben einkehrt. Behaltet die guten Erinnerungen an Euren Vater und Mann im Herzen. Dort wo er nun ist muß er nicht mehr leiden. Sicher bereut er seine Tat, doch das ist nicht mehr rückgängig zu machen.

    Ich wünsche euch das Ihr wieder Freude am Leben findet.

    Den Gedanken von Huenchen finde ich auch sehr gut. Lasse Dir ein einer Selbsthilfegruppe helfen, wenn Du es alleine nicht schaffst.

    Ich wünsche Euch viel Kraft

    Liebe Grüße

    von

    Moonlight





  • Liebe Murmel278, ich habe Deinen Bericht gelesen und bin sehr berührt.

    Es ist traurig, dass ihr Euch auf diese Weise endgültig verloren habt. Das tut mir sehr leid.

    Schuldgefühle? So wie ich Dich verstehe, hast Du Deinem Mann signalisiert, dass Du trotzdem noch für ihn da bist und Dich um ihn sorgst. Also hätte er die Möglichkeit gehabt, seine Not mitzuteilen. Leider hat er sich anders entschieden, doch das war SEINE Entscheidung. Daran trägst Du nicht die Schuld.

    Wenn ich das richtig lese, arbeitest Du in Leipzig? Dort gibt es einen Selbsthilfegruppe für Angehörige um Suizid (AGUS) Infos zur Gruppe über Gesundheitsamt (SKIS) Dort findest Du Leute, die das gleiche Schicksal tragen wie Du. Vielleicht hilft Dir ein Gespräch mit ihnen, denn die können Dich (im Gegensatz zu einem Umfeld) ganz sicher verstehen. Ich wünsche Dir viel Kraft für den Abschied am 28. März und dass Du danach zur Ruhe kommst.
    Alles Liebe, huehnchen234

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