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Wenn ich mich mit "anderen" Patienten austausche, geht es oft um die Therapie. Nicht unbedingt um die Art der Therapie, sondern vor allem um die Therapie an sich und den Therapeuten. Hier möchte ich berichten, wie ich meine jeweiligen Therapien erlebt und empfunden habe.
Ambulante Therapie bei einem Kinder- und Jugendpsychiater:
Mit Ende meines 14. Lebensjahres fing ich das Ritzen an, ohne zu wissen, was das genau für mich und meine Psyche zu bedeuten hatte. Als Krankheit war es mir fremd und auch war mir fremd, dass ich ständige Stimmungsschwankungen hatte und einen starken Hang zu jeder Art der Rebellion und der Extreme.
Irgendwann kam ich dann natürlich auf den Trichter, dass dem nicht so ist und suchte meine Hausärztin auf, die mich dann zu einem Jugendpsychiater überwies.
Als ich dort war, "musste" ich ihm erstmal was über das Ritzen erzählen. In welcher Situation ich es macht, wie mich dabei und danach fühlte, etc. Danach musste ich ein Bild malen, von mir und meiner Familie in Form von Tieren. Mir war davor nie bewusst gewesen, was das bedeuten kann und ich musste auch erklären, warum ich jedem Familienmitglied das jeweilige Tier zugeschrieben hatte.
Ein weiterer Test bestand aus einer Unmenge von Fragen, an die ich mich allerdings nicht mehr erinnern kann, ich vermute jedoch, dass es vor allem um psychische Zustände in mir und Zustände in meiner Familie ging.
In einer Sitzung mussten meine Eltern mitkommen und wir redeten zusammen mit dem Psychiater über meine Probleme und die Probleme, die mir das Familienleben und die Erziehung meiner Eltern machten. Ich weiß noch, dass mir diese Sitzung sehr unangenehm war. Ich war mitten in der Pubertät und hatte ein dementsprechendes Verhältnis zu ihnen.
Danach war ich nur noch ein paar Mal dort, eigentlich aber nur zwecks Diagnostik.
Hirsau, Kinder- und Jugendpsychatrie:
Ich war ca. 16, hatte meinen ersten, ernstzunehmenden Suizid hinter und wurde daraufhin eingeliefert. Ich kam direkt aus dem Krankenhaus und hatte noch einen Schlafanzug an. Dort musste ich die erste Nacht in der "Gummizelle" schlafen, weil es noch keinen Platz gab, der aber am nächsten Tag frei wurde.
Die Station ähnelte zwei langen Fluren und deren Mitte der "Empfang" war. Es gab insgesamt ca. 10 Zimmer, davon waren ca. 7 Doppelzimmer. Die Spezial- und Langzeitzimmer besaßen ein eigenes Zimmer. Es war nicht viel los, weil einige Schulunterricht hatte. Ist man länger als ca. 1 Woche dort, so wird dort der Unterricht einzeln fortgesetzt von einem dort ansässigen Lehrer. Ich habe diesen Unterricht nie gehabt, dazu war ich nicht lange genug dort.
Der Tag in der Psychatrie gestaltete sich schon morgens: Jeder, auch ich, hatte von Anfang "feste" Pflichten, die vermutlich eine gewissen Ordnung in das dortige Leben bringen sollten. Morgens wurden wir von den Pflegern geweckt und hatte auch nur 15 min. Zeit uns für das Frühstück fertigzumachen. Erst danach war also möglich, sich zu duschen oder ähnliches. Ich weiß noch, wie die Raucher dort geschimpft haben, denn vor dem Frühstück war es nicht erlaubt zu rauchen.
Nach dem Frühstück wurde besprochen, wie sich der Tag gestaltete. Jeder musste dabei sagen, wie es ihm geht und wurde darauf entweder zu einer Sitzung im Laufe des Tages gebeten oder nicht. Außerdem musste derjenige erzählen, was er heute noch zu tun hatte.
Danach ging es zur Tablettenausgabe, auch ich bekam Tabletten und muss ganz ehrlich sagen: Ich habe keine Ahnung was das war.
Beim Mittagessen fielen vor allem die Magersüchtigen und Bulemikerinnen auf: Die Magersüchtigen mussten entweder die Vorspeise oder die Nachspeise essen, aber auf jedenfall eines davon. Nach dem Mittagessen gab es eine 45-minütige "Zwangsruhe". Jeder musste dabei auf sein Zimmer und... naja, was auch immer. Hingegen mussten sich alle Essgestörten ins Gemeinschaftzimmer versammeln und wurden dort beaufsichtigt, damit keine von ihnen erbrechen o.ä. konnte. Auch, wenn sie auf´s Klo mussten, kam jemand mit.
Nachmittags hatten dann einige Therapie und es war eine reine Selbstbeschäftigung angesagt. Die Kunsttherapie bestand darin, dass uns das Kunstzimmer aufgemacht wurde und wir dort nichts andere machen konnten, außer Seidenmalerei - alles andere war grad leider nicht vorhanden...
Wir spielten die Nachmittage über Karten, bekamen den 15-, 30- oder 60-minütigen Ausgang (den man sich auch erst erarbeiten musste) oder hatten Sport.
Nach dem Abendessen durfte jeder nochmal erzählen, was er heute gemacht und gefühlt hatte.
Abends durften wir dann einen Film anschauen - aber Punkt 22h wurde der Fernseher ausgemacht, d.h. in dieser Zeit habe ich nie wirklich das Ende eines Films gesehen.
Ich war in der kurzen Zeit nur ein- oder zweimal bei der Psychiaterin und habe ansonsten nur mein eigenes Leid anhand der anderen relativiert, weswegen ich auch dachte, dass meine Psyche ihr Gleichgewicht gefunden hatte. Nach der Psychatrie führt ich auch keine ambulante Therapie fort, auch wenn dies vorgesehen war.
Ambulante Therapie - jetzt aber wirklich.
Vor ca. 2 Jahren begann es allerdings wieder schlimmer zu werden. Ich traf mich regelmäßig mit einem Kumpel, der ebenfalls in Therapie war, der mir dann einen etablierten Psychiater empfahl. Bis ich dort allerdings einen Termin bekam, sollte es allerdings einige Monate dauern. Nur wurde es bei mir immer schlimmer und ich wurde nach einem Anruf zwei Tage später in die Sprechstunde eingeladen.
Es war anstrengend alles wiederholen zu müssen und von Anfang an zu erzählen - irgendwann nervt es einfach. Die erste Frage, die er mir stellte, war: "Warum sind Sie hier? Was fehlt ihnen?" Er wirkte leicht unterkühlt und es fiel mir schwer, weil ich mir nicht ernstgenommen vorkam. Allerdings sollte ich sich in den nächsten drei Sitzungen zeigen, dass es seine Art war. Ich bekam für´s erste Tabletten verschrieben und sämtliche alte Akten wurden bei den versch. Psychiatern angefordert.
Er war eher jemand, der weitervermittelt, so meinte schon mein Kumpel und nach der 5. Sitzung sagte er schließlich auch, dass er mir eine Tiefenpsychologische Therapie empfehlen würde, er selber aber keinen Therapieplatz anbieten könnte, da er schon "voll" war. Er empfohl mir eine Kollegin, die 3 Monate eine Praxis in Tübingen aufmachen wollte.
Ambulante Therapie - erstmal für 60 Stunden genehmigt.
Die erste Sitzung fand vor einem längeren Aufenthalt meinerseits in Berlin statt, so dass die Therapie erst 2 Monate später starten konnte.
Die ersten Sitzungen über musste ich auch wieder bei 0 anfangen, was meine Story anging, doch zum Glück bekam sie ein paar Wochen später alle Akten zugesendet. Ich fragte bei der privaten Krankenversicherung auf 50 bezahlte Stunden, die mir schließlich, nachdem ich schon über 10 Stunden Therapiesitzung hinter mir hatte, auch genehmigt wurden. Meine Therapeutin schlug allerdings vor, dass wir danach nochmal einen Antrag auf 100 Stunden stellen müssten.
Anfangs taten die Gespräche mir wirklich sehr gut, und ich war, einmal pro Woche alles "abladen" zu können. Doch dann stellte sich wieder eine schlechte Phase ein, in der ich merkte, dass die Muster, denen ich verfalle, immernoch in mir vorhanden und nicht erforscht waren. Erst seit wenigen Wochen kommen wir langsam dem inneren Kern näher, und es wird auch sehr anstrengend... zweimal habe ich mich auch vor einer Sitzung gedrückt, weil die Lust, über unangenehme Sachen zu reden, logischerweise nicht immer da ist.
So, und nun bin ich schon seit gut einem halben Jahr in einer "richtigen" ambulanten Therapie und ich hoffe, euch noch von vielen Fortschritten erzählen zu können.
Stichworte (Tags):
psychatrie, Psychiater Erfahrungsbericht, Therapie Erfahrungsbericht, Tiefenpsychologische Therapie Erfahrungsbericht
Vor mehr als 2 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 2 Jahren
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