Erfahrungsbericht: Die Suche / Teil 1

Thema: Depressionen
Was ist zuerst passiert?
Eine Weiche wurde verstellt
Wann ist es passiert?
...unklar...
Was ist sonst passiert?
viel und nichts
Wie endete es?
Nie...aber es verändert sich...

Den folgenden Text (Suche 1+2 )begann ich bereits vor Jahren...ich schrieb ihn bewußt in der Vergangenheitsform und ergänzte ihn zum Teil. Einiges habe ich heute hinter mir, vieles wandelt sich,anderes hat sich nie verändert....

Ich weiß nicht wann es begonnen hat. Ich weiß auch nicht warum und ob es einen bestimmten Punkt gab,der alles auslöste.Aber irgendwann begann ich,alles was ich tat infragezustellen.Und jedes Ergebnis,das ich erzielte,jeder Erfolg oder Misserfolg wurde nicht nur bewertet,sondern bis ins kleinste Detail seziert.Da begann die unendliche Suche nach Wahrheit,nach Echtheit und Ehrlichkeit,Ursache und Sinn.

Ich wurde regelrecht süchtig. Etwas "außer Acht zu lassen" war nicht mehr möglich.Auf einmal erhielt jeder Blick,jede Geste,jedes Wort eines anderen Menschen eine Gewichtigkeit.Misstrauisch beäugte ich das Treiben um mich herum.Nach jeder Begegnung mit einer Person scannte ich in meinem Kopf den Ablauf des Geschehens und suchte nach der Vergewisserung,dass ich einen guten Eindruck gemacht hatte.Denn niemandes Meinung war mir gleichgültig.Von allen erhoffte ich mir Bestätigung,wofür und warum wußte ich zum Teil selbst nicht.

Ich fühlte mich nur lebendig und überhaupt existenzberechtigt,wenn ich in den Augen anderer etwas wert war.Denn mein Inneres erlebte ich als Vakuum,dass nur von außen gefüllt werden konnte.Einerseits sehnte ich mich nach Lob und Komplimenten,schämte mich jedoch gleichzeitig für sie,wenn ich sie erhielt.Weil ich trotzdem immer glaubte im Grunde den Ansprüchen nicht gerecht zu werden.Woher sollte ich wissen,ob die Bestätigung auch wirklich ernstgemeint war?Ich verabscheute falsches Gerede,denn es führte mich vom Weg ab auf meiner Suche nach Wahrheit...

Die Suche nach meinem wahren Selbst,dass ich in mir nicht finden konnte führte mich zur Schauspielschule.Dort verdoppelten sich meine Selbstzweifel,das Gefühl nichts wert zu sein,die Leere in mir wurde bedrohlicher.Selten brachte ich es nun fertig einen Abend alleine zu hause zu verbringen.Ich ging mehrmals in der Woche ins Kino oder Theater,wanderte unter dem Vorwand eines "Raucherspaziergangs" noch sehr spät abends in der Stadt herum.Ich verhielt mich allgemein noch viel unruhiger und hektischer als zuvor,hatte sowohl privat als auch auf der Bühne Probleme mit einer guten Aussprache,denn ich redete in abgehackten Floskeln,sehr schnell,wobei ich mich oft unterbrach und meist nicht in der Lage war Geschehnisse der Reihe nach und verständlich anderen widerzugeben.Ich überschlug mich förmlich,auch was Handlungen betraf.In Improvisationen war mein Denken oft gehemmt,da ich unter Streß und Druck geriet,weil ich nichts falsch machen wollte.Also konnte ich auf der Bühne schlecht Stellung beziehen,Entscheidungen treffen und mich behaupten.Ich griff in Schubladen,da ich mich auf diese Weise sicher fühlte: spielte entweder stets die Unterlegene,die Leidende oder aber verbarg meine Unsicherheit hinter viel Gerede und hektischen,mir eigenen Gebärden,um der Stille einer Szene,die ich nicht aushalten und nutzen konnte,da sie mir Angst machte,zu entkommen.Misslungene Auftritte konnte ich teilweise tagelang nicht vergessen und zermarterte mir den Kopf,warum etwas schiefgelaufen war.

Im Szenenstudium war es mir unmöglich eine Probe durchzuhalten ohne mich selbst zu unterbrechen und mich selbst für irgendwelche Fehler zu verdammen.Kritiken von anderen nahm ich mir sehr zu Herzen,machte aber immer wieder darauf aufmerksam,dass ich nicht in Watte gepackt werden und sie unbedingt hören wollte,auch wenn ich später in Tränen ausbrach.Im Gegenteil,manchmal wurden winzige Kritikpunkte in meinem Kopf zu großen Unzulängligkeiten aufgebauscht.Ich sah irgendwann nur noch meine Schwächen.Die Stärken nahm ich zwar wahr,doch sie wurden selbstverständlich oder sogar bedeutungslos.

Auch körperlich machten sich meine seelischen Probleme bemerkbar.Vor Prüfungen litt ich unter extremer Aufregung: Kurzatmigkeit,Herzrasen und Kopfschmerzen, Übelkeit waren die Folgen.Auch bekam ich oft Durchfall und Magenschmerzen und litt unter Taubheitsgefühlen in den Händen sowie zittrigen Beinen.Meist war ich nicht in der Lage vor einem Autritt oder in anderen stressigen Momentenetwas zu mir zu nehmen,was mich allgemein entkräftete.Doch auch unter normalen Umständen,beim täglichen Unterricht erfuhr ich derlei Symptome und war ständig verspannt,besonders im Nacken-und Rückenbereich.

Selten gab es aber auch Momente in denen der ganze Druck entwich und andere die Zeugen impulsiver,heftiger autoaggressiver Zornesausbrüche waren,in denen ich mich nicht unter Kontrolle hatte und die mir später um so peinlicher waren.Doch auch an andere richtete sich meine Wut:In solchen Augenblick reagierte ich vollkommen unreflektiert,brachte es zum Beispiel fertig einen jungen Mann,der an die 2 Meter groß war schubsen zu wollen,weil ich mir verbal nicht mehr zu helfen wußte.
Meist jedoch war ich mein eigenes Opfer,denn ich bewegte mich in einem Kreislauf der Selbstzweifel.Ich sah an anderen oftmals nur die "guten" Eigenschaften,die ich nicht besaß (oder glaubte nicht zu besitzen),bewunderte sowie beneidete sie gleichzeitig darum. Und selbst, wenn ich genau wußte, dass dem Anderen in nichts nachstand konnte ich es emotional oft nicht fassen.

Intime Kontakte hatte ich bisher kaum gepflegt bzw. nur bis zu einem gewissen Grad.Sexualität schien mich gleichermaßen anzuziehen und abzustoßen,wobei ich nicht wußte welchem Verlangen ich nachgeben sollte.Manchmal,besonders in depressiven Phasen,sehnte ich mich unglaublich nach der Nähe eines Anderen.Wobei ich zeitweise noch nicht einmal wußte,ob ich mich zu Männern oder Frauen hingezogen fühlte.Oder zu beiden Geschlechtern.Ich hätte mit allen Varianten kein ernstliches moralisches Problem gehabt,mit mir selbst wäre ich als Bi-oder Homosexuelle durchaus im Reinen gewesen,doch trotzdem hatte ich immer eine undefinierbare Angst davor mich festzulegen,in einer Schublade zu verschwinden.Es ist schwer zu beschreiben,aber der von der Gesellschaft erschaffene Stempel "Lesbe" wäre für mich unerträglich gewesen,auch wenn das "Lesbisch-sein" für mich selbst in Ordnung gewesen wäre und auch gesellschaftlich anerkannt, schließlich lebte ich nicht mehrin der Provinz.
Aber vielleicht war es doch wieder die Angst vor dem Ausgestoßen-sein,die Angst nicht geliebt zu werden.Denn sie war sicher auch der Grund dafür,dass ich sexuellen Kontakten auswich,auch wenn ich mich nach ihnen sehnte.Gelegenheiten hätte ich gehabt,wenngleich es sicher nicht viele waren (denn ich hatte stets relativ isoliert gelebt bzw. nur wenig enge Kontakte gehabt) aber in mir fand jedes Mal ein seltsamer Kampf statt,wenn sich eine Situation bot jemanden kennenzulernen...

Ich glaube ich hatte erst ein richtiges Date in meinem Leben.Ich meine,wenn man ein Date als ein Treffen zweier Menschen definiert,die noch keinen intimen Kontakt hatten,aber nun einen Abend in Kino oder sonstwo als Vorwand nutzen,um sich "kennenzulernen".Das ganze mag zynisch ausgedrückt sein,da ich die Praktik des Dates eigentlich hasse,weil sie im grunde unehrlich ist.Allerdings wüßte ich nicht,wie man sie umgehen sollte,es sei denn,man fragt den anderen frei heraus schon am Telefon,ob sexueller Kontakt erwünscht ist.Wie sicher zu bemerken ist rede ich über diese Problematik sehr wissenschaftlich und rationalisiert.Denn ich bin der Meinung,dass 2 Menschen sich tatsächlich beim ersten Blick verlieben oder nie.Gleichzeitig bin ich aber der Ansicht,dass 2 Menschen nur eine Beziehung führen können,wenn sie in ihren Interessen übereinstimmen und ähnliche Charaktäre haben.Sexuellen Kontakt ohne eine Basis wäre für mich unvorstellbar.Ich könnte mich niemandem hingeben,den ich nicht wirklich liebe und lieben könnte ich nur jemanden,der mich versteht und der mir ähnlich ist.Und ich denke sogenannte "Liebe auf den ersten Blick" entsteht nur wenn sich 2 Menschen seelisch nah sind.

Und das genau war mein Problem.Ich hatte nie jemanden gefunden der mir nah war.Kurz nachdem ich etwas begonnen hatte zweifelte ich an der Dauerhaftigkeit der Beziehung,denn ich merkte bald,dass der jeweilige Partner nicht zu mir passte.Ich hielt seine Nähe nicht mehr aus,obwohl ich ihn durchaus mochte,jedoch nicht liebte.Treffen,die recht bald eher widerwillig von mir,um so bemühter von ihm (es waren nur Männer gewesen) arrangiert wurden,entstanden aus Pflichtgefühl.Ich fühlte mich oft unwohl und war froh,wenn ich wieder allein war.Jedoch nicht lange.Bald verfluchte ich mich für meine eigene Unbeständigkeit,denn ich wollte es irgendwie durchziehen,auch sehnte ich mich im grunde nach Kontakt,jedenfalls glaubte ich das.Ich wußte nur das irgendwetwas fehlt und ich mich nicht lebendig fühlte.Dazu kam,dass ich das Gefühl hatte einen sexuellen Kontakt irgendwie "hinter mich bringen zu müssen".Meine Jungfräulichkeit war mir im höchsten Grade peinlich und ein weiterer Grund mich selbst nicht zu akzeptieren.

Ich wußte absolut nicht was ich wollte,wen ich wollte,ob ich überhaupt jemanden wollte.Es gab auch Zeiten,in denen ich kaum darüber nachdachte.Das waren dann meist schulisch sehr anstrengende Phasen.Ich konzentrierte mich sowieso am liebsten auf die Ausbildung,die trotz aller Probleme meine Leidenschaft und Lebensinhalt war.Da gab es wenigstens ein Ziel,eine Basis,einen Halt in meinem Leben.Das Ziel Schauspielerin zu werden hatte ich immer vor Augen.Auch in schwierigen Zeiten,in denen ich an meiner Eignung zweifelte,wußte ich im grunde dass ich nichts anderes wollte.Es war immer der einzige Halt in meinem Leben.Die einzige Konstante.Das einzige,was bestand hatte.Das war mir selbst nicht immer bewußt,oft hatte ich über Alternativen nachgedacht,weil ich an meiner grundlegenden Begabung zweifelte, doch die Ambivalenz bestand darin,dass die Schauspielerei zwar das einzige Ziel war,dass ich im Auge hatte,dass ich jedoch zeitweise für unerreichbar hielt,da ich überall auf Widerstand stieß.So machte meine "Konstante" mich gleichermaßen glücklich und unglücklich.Bestärkten zum Teil meine Selbstzweifel noch.

In manchen Momenten erlebte ich Sexualität auch als höchst gewalttätig,Besonders die Rolle der Frau.Mir war durchaus bewußt,dass die Frau gerade heutzutage nicht die Unterlegene sein muß,im Gegenteil,aber,ich wußte nicht warum,in meiner Phantasie entstanden dann Bilder der Gewalt,Unterwerfung,des Schmerzes,Ekels und der Machtausübung des Mannes.Ich konnte mir diese diffusen Gefühle nicht erklären...Schließlich bin in ich in einem sehr offenen,freien und aufgeklärten Haushalt aufgewachsen.FKK an der Tagesordnung.Immer wieder hatte es Gespräche über die intimsten Dinge gegeben zwischen mir und meiner Mutter.Wahrscheinlich waren sie zu intim.Ich besaß im Grunde keine Privatsphäre,es gab keine Geheimnisse.Keine Grenzen.Ja,manchmal hatte ich das Gefühl mich würde nichts von meiner Mutter trennen.Ich teilte oft ihre Ansichten,so daß ich die sogenannte rebellische Teenagerphase übersprungen habe.Denn es gab nichts wogegen ich hätte rebellieren können, keinen Grund mich abzusetzen.Nicht daß meine Mutter vollkommen auf Strenge verzichtet hätte.Sie hatte sogar zum Teil eine sehr konservative Meinung und mein hilfloser Versuch irgendwie mich selbst zu finden führte oft dazu,dass ich diese Ansichten verdammte,ertappte mich allerdings dabei,dass ich ich der gleichen Meinung war.Das erschreckte mich,denn so erhielt ich auf's Neue das Gefühl kein eigenständiger Mensch zu sein,sondern nur ein Produkt,eine Nachahmerin.Ich war die beste Freundin meiner Mutter.Ich liebte sie,doch meine Rolle gefiel mir nur zum Teil.Und auch die Freiheit,die ich genoss,das Privileg über alles reden zu können war mir unheimlich.Keine Frage,ich ging gerne und oft zu ihr wenn ich Rat brauchte,und von ihr erhielt ich ihn immer,doch oft sehnte ich mich nach einem falschen Rat,der meine "perfekte" Mutter enttarnte.Denn sie war in meinen Augen stets perfekt,obwohl ich verstandesmäßig natürlich weiß,dass sie es nicht sein kann.

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Natürlich gab man sich in diesem aufgeklärten Umfeld keine Mühe gewisse nächtliche Aktivitäten vor mir zu verbergen.Besonders in der kleinen,engen Wohnung des Lebensgefährten hörte ich oft des Nachts wie sie sich liebten.Ich kann nicht genau sagen,was ich dabei empfand.Wahrscheinlich eine Mischung aus Wut,Ekel,Scham und Eifersucht.

Ich erinnere mich besonders an eine Nacht.In dem kleinem Vorraum war es recht kühl,so dass ich schon aus diesem Grund oft nicht schlafen konnte.Einmal rief ich dann nach meiner Mutter,statt ihr erschien jedoch der Lebensgefährte und meinte ich solle mich irgendwie ablenken,oder etwas tun um müde zu werden,beispielsweise lesen."Mutter und ich tun viele Dinge,wenn wir nicht schlafen können...wir lieben uns..."Was er mit diesem "Rat" oder was immer es sein sollte bezwecken wollte,weiß ich nicht,doch ich fühlte mich wohl einsamer,isolierter und ungewollter als zuvor.Das änderte sich auch am nächsten Morgen nicht,als ER zu IHR sagte,sie hätte sich letzte Nacht anders angehört als sonst.Ich glaube.ich merkte selbst gar nicht,wie sehr mir derlei Gespräche wehtaten.Stattdessen lachte ich mit und meinte sogar,dass hätte ich auch bemerkt.
Doch es gab noch ein Ereignis,dass mir weit mehr wehtat.Es war eine bestimmte Nacht in Österreich,wo wir uns eine Vorstellung des Lebensgefährten angesehen hatten.Scherzhaft hatte ich am Abend noch zu meiner Mutter gesagt,dass sie sich wohl diese Nacht würden beherrschen müssen.Daraufhin hatten wir beide gelacht und ein paar nette Stunden verbracht.Natürlich floss viel Alkohol und die Stimmung war ausgelassen.
In der Nacht erwachte ich durch ein Flüstern.ER wollte SIE überreden ES zu tun.Sie wehrte ab.Er befriedigte sich selbst.Jedenfalls hörte ich nur ihn stöhnen,und das Rascheln der Bettdecke.Als er fertig war raunte er erschöpft zu meiner Mutter:"Thank you that you said nothing."Das war zu viel.Ich schrie er solle die Klappe halten und verkroch mich unter der Decke.Am nächsten Morgen war ich die letzte die aufstand.Trotzdem mußte ich mitanhören,wie der Lebensgefährte sich über meinen nächtlichen Ausbruch amüsierte.Ihm schien die Angelegenheit kein bisschen peinlich zu sein.Meiner Mutter wohl um so mehr,doch ich war auf sie dennoch wütender als auf ihn.Den ganzen Tag wechselte ich nicht ein Wort mit den beiden.Am Abend entschuldigte er sich halbherzig bei mir.Ich glaube er verstand nicht,was in mir vorging.Ich begriff es ja selbst nicht.Ich wußte nur,dass ich beiden nicht verzeihen konnte.

...Fortsetzung Teil 2...

Stichworte (Tags): angst, Beschwerden, beziehungsunfähigkeit, Depression, innere, Jugend, Kindheit, Kontrolle, Leere, Psychologie, Psychosomatik, psychosomatische, Selbstwahrnehmung, Sexualität, Trauma, unsicherheit

Vor mehr als 2 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr

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