Erfahrungsbericht: Radiojod-Therapie Vor- und Nachteile

Was ist zuerst passiert?
Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) Morbus Basedow
Wann ist es passiert?
1997-2010
Was ist sonst passiert?
Zweimal eine thyreotoxische Krise
Wie endete es?
Radiojodtherapie

Die meisten Patienten mit einer Hyperthyreose müssen sich früher oder später überlegen, ob sie ihre Schilddrüsenüberfunktion durch eine Operation oder durch die Radiojodtherapie endgültig behandeln lassen. Die medikamentöse Einstellung durch Thiamazol oder Carbimazol bringt oftmals auf längere Einnahmezeit Nebenwirkungen mit sich und meist bleibt die Schilddrüse nicht langzeit reguliert.

Ich selber habe nun jahrelang überlegt, ob ich mir mein "Schmetterlingsorgan" operativ entfernen lasse oder ob ich mich in die Nuklearmedizin begebe und die "berüchtigte" Strahlentherapie auf mich nehme. Leider erlitt ich während meiner Bedenkphase zwei thyreotoxische Krisen und die jeweils einwöchigen stationären Aufenthalte inkl. Intensivstation überzeugten mich dann doch, eine Endlösung anzustreben.

Nach Überweisung aus der Endokrinologie in die Nuklearmedizin entschied ich mich für das Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding, das zur Charité gehört. Es gab hier eine Voruntersuchung und kurze Aufklärung, wie die Strahlenbelastung sich auswirkt, wie die Behandlung abläuft, wie lange die Therapie dauert, etc. Was jedoch nicht gesagt wurde, ist wie anstrengend eine solche Behandlung ist, weswegen ich hier gerne von meinen Erfahrungen berichte.

Vor der eigentlichen Therapie erhält man eine Probe-Kapsel, die klären soll, wieviel der Strahlung durch das Jod-131 sich in der Schilddrüse anreichert und wie schnell die Strahlung wieder abklingt. Dies ist für die Dosis und für die Errechnung der voraussichtlichen Aufenthaltszeit in der Klinik wichtig. Hierzu setzt man zwei Tage vor dem Test die Einnahme der Medikamente ab. Man nimmt die Kaspel ein und wird drei Tage lang in Folge "gemessen". Man erkennt dadurch die Anreicherung des Jodes im Gewebe und wie lange der Abbau dauert. Danach werden 10-14 Tage pausiert, ehe die echte Behandlung beginnt.

Ich wurde morgens eingewiesen und mit den Gegebenheiten auf der Station bekannt gemacht. Man stelle sich vor, dass der Patient nach Einnahme der Kapsel radioaktiv kontaminiert ist und tatsächlich in Isolation ist. Man hat ein Einzelzimmer - ohne Dusche. Sämtliche Abwässer, sei es Waschbecken oder Toilette, werden gesammelt und gelten als kontaminiert. Man erhält seine Kleidung vom Klinikum. Nachthemd, Bademantel, Einwegslips zzgl. Slipeinlage, die auch von den Männern zu tragen sind! Man bedenke, dass jegliche Körperflüssigkeit extrem strahlt und durch Schweiß, Urin oder andere Ausscheidungen die Umgebung, Möbel, etc. kontaminiert werden. Daher sollte auch Handschuhe getragen werden, sofern man beispielsweise ein Notebook bedienen möchte oder gar sein eigenes Handy im Krankenhaus benutzt. Denn unter Umständen müssen diese Geräte bei einer zu hohen Strahlenbelastung im Krankenhaus verweilen, bis die Strahlung abgeklungen ist.

All das wusste ich mehr oder weniger vorher, wie sicherlich jeder, der sich mit einer Radiojod-Therapie beschäftigt. Was mir jedoch nicht bewusst war, ist die extreme Belastung für den Körper. Sie sind auf engstem Raum eingesperrt. Herumlaufen auf dem Flur ist untersagt. Ihre Muskeln bauen sich in kürzester Zeit ab. Nicht nur, dass ihnen unsagbar langweilig ist, da sich ihr menschlicher Kontakt auf einen kurzen Tratsch mit der Schwester beschränkt und sie sonst auf sich, Bücher, TV oder Zeitschriften angwiesen sind, Sie dürfen auch keinerlei Besuch erhalten.

Bereits in der zweiten Nacht wachte ich von unsäglichen Darmkrämpfen auf. Ja, dem Körper fehlt die Bewegung und die Verdauung des ungewohnten Krankenhausessens macht dem Organismus mehr Probleme, als man denkt. Nun bin ich ein "relativ" junger Mensch und dennoch hatte ich sehr mit meinem Magen-Darm-Trakt und der fehlenden Bewegung zu kämpfen. Am fünften Tag wachte ich von fürchterlichen Schmerzen auf, die wohl von einem eingeklemmten Nerv im Rücken hervorgerufen wurden. Ich konnte kaum atmen und gestehe, dass ich wie ein Baby weinte. Die Schwestern haben sich rührend in dieser Zeit um mich gekümmert. Ich werde wohl die die Nachtschwester vergessen, die mir mitfühlend ins Gesicht schaute und meinte "ja, es belastet den Körper weit mehr auf so verhältnismäßig kleinem Raum eingesperrt zu sein, als man sich vorstellen kann..." Und ja, da hat sie Recht. Ich habe mit Langeweile gerechnet, mit "Lager-Koller", mit fehlenden sozialen Kontakten, jedoch nicht einmal annähernd habe ich mir vorgestellt, wie schnell sich die Muskeln zurückbilden und wie sehr es den Körper schlaucht.

Stellen sie sich vor, in ihrem Körper stirbt etwas. Das restliche Gewebe rebelliert und produziert mehr Schilddrüsenhormone. Ihr Körper steckt hier sehr viel Energie rein. Sie selbst hingegen liegen oder sitzen den Großteil des Tages nur herum. Als mich mein Freund abholte, hatte ich Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Nach 500 Metern war ich entsetzt, da ich vollkommen aus der Puste war.

Wie sich meine Werte nun letztendlich entwickeln und ob die Therapie erfolgreich war, erfahre ich in spätestens 6 Monaten. Jedoch im Moment habe ich wie gewohnt eine ausgeprägte Überfunktion, nehme seit kurzem erneut Thiamazol und gehe regelmässig alle 2-3 Wochen zur Blutkontrolle. Jedoch erwarten meine Ärzte, dass in Kürze sich die Funktion umkehren wird, da immer noch weiteres Gewebe abstirbt und das "rebellierende" Restgewebe nicht auf Dauer überproduzieren kann. Nun, ich bin gespannt.

Würde ich die Therapie nochmal machen? Ja, denn sie ist wesentlich eleganter und ohne Schmerzen verbunden. Lediglich ein Engegefühl oder Kratzen im Hals, das durch Kühlung recht gut abklingt. Jedoch die Nebenwirkungen der Isolation sollte niemand unterschätzen und sich genau überlegen, ob er das kann und wie sich die Ruhe auf seinen Körper auswirkt. Ich mache mittlerweile wieder regelmässig Yoga und viele, viele Rückenübungen.



Stichworte (Tags): Hyperthyreose, Isolationsstation, Nuklearmedizin, Radioiodtherapie, Radiojod, Radiojod-Therapie, schilddrüsenüberfunktion

Vor mehr als 2 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor mehr als 2 Jahren

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