Tränen
Bei diesem Text sind mir die Tränen gekommen. Ich bewundere dich dafür, dass du es so komplex, geradeheraus und doch mit Gefühl geschrieben hast! Danke
@font-face { font-family: "Times"; }@font-face { font-family: "Cambria"; }p.MsoNormal, li.MsoNormal, div.MsoNormal { margin: 0cm 0cm 0.0001pt; font-size: 12pt; font-family: "Times New Roman"; }p { margin-right: 0cm; margin-left: 0cm; font-size: 10pt; font-family: "Times New Roman"; }div.Section1 { page: Section1; }
Mein Gefühl ist, dass es vielleicht hilft, wenn ich es aufschreibe.
Heute gibt es etwas in mir, das eine Todesangst hat. Ich friere, bin gelähmt und unruhig zugleich. Ich als 46-jährige kann noch agieren, erlebe aber ein Gefühl als wenn dieser agierende Teil nicht mehr zu mir gehört. Auch wenn es keinen Sinn macht - ich räume die Küche auf, meine Wahrnehmung ist aber, dass ich sehe, wie ich die Küche aufräume.
Was ist das 'in mir', was Todesangst hat? Ich weiss es nicht.
Wann hat es angefangen? Ich glaube im Juli 2009, obwohl ich alles dafür getan habe, es zu ignorieren. Im Juli 2009 bin ich schwer erkrankt. Es hat mit einem neurochirurgischen Eingriff geendet. Ich weiss noch, dass ich mich damals gefühlt habe, wie ein 5-jähriges Mädchen, dass ohne seine Mama ins Krankenhaus muss. Ich bin nie alleine gewesen, alle waren für mich da, aber mit dem Gefühl des 5-jährigen Mädchens war ich allein. Jegliche Sicherheit war mir genommen und ich habe nur reagieren können - erlebt habe ich einen absoluten Kontrollverlust.
Ich habe alles dafür getan, um es schnell zu beenden und habe es tatsächlich geschafft, nach 5 Tagen aus der Klinik entlassen zu werden. Ich habe meine Mütze aufgesetzt, habe grinsend vor meinem Hausarzt gesessen und war irgendwie auch stolz darauf, dass es ja eigentlich gar nicht so schlimm war - ich bin mal wieder nicht unterzukriegen gewesen und das 5-jährige Mädchen mit seiner Angst ... pah, wen kümmerts ... . So habe ich dann auch weitergemacht: Gearbeitet, viel zu früh wieder im Büro gewesen, eine nachfolgende Blutung im Operationsfeld 'weggesteckt', meine bleierne Müdigkeit und mein erschöpft-sein ignoriert und einfach performt.
Aber die coole Geschäftsführerin bin ich nicht gewesen. Im September hatte ich schon Freunden und meinem Coach gegenüber formuliert, dass ich da eigentlich nie nie wieder hin wollte. Ich habe mich in dem Konzern nicht sicher gefühlt, ich habe es gehasst, mit dem Rücken an der Wand zu stehen, damit mich die 'Messer' nicht treffen. Es ist mehr als schwer gewesen, die Bereiche zu konsolidieren und mehr als 25 Mitarbeitern zu kündigen und ich möchte nie wieder mit einem Betriebsratsvorsitzenden zu tun haben, der mir persönlich den Krieg erklärt hatte, weil ich ihn vor 10 Jahren mal in einer anderen Firma und einer anderen Position gekündigt hatte... Dennoch habe ich das alles ignoriert, wie eine Verrückte gearbeitet und meinem Gefühl darüber, dass das alles Wahnsinn ist, mir plötzlich jegliche Sicherheit fehlt und ich es lassen sollte, einfach 'den Mund verboten'.
Anfang März 2010 hat mir mein Arbeitgeber aus heiterem Himmel fristlos gekündigt. Der Vorwurf hat auf 'Vorteilsnahme, Verschleppung und Urkundenfälschung' gelautet. Da sass ich plötzlich, das noch im Januar hochgelobte Mitglied der Geschäftsleitung, bin behandelt worden wie ein Schwerverbrecher obwohl ich wusste, was ich getan habe ... das was sie mir vorwarfen nicht! Auch die Aussagen meiner Anwältin, dass so ein Verhalten in der Wirtschaft üblich ist und ich Glück habe, dass es mich nicht früher getroffen hat, hat an meinem Gefühl nichts geändert: Ich bin 'unehrenhaft' entlassen worden, habe die Welt nicht mehr verstanden, habe mich geschämt, war gelähmt und fassungslos.
Aber tief in mir drin hat es eine Stimme gegeben, die gesagt hat: Gott sei Dank, es hat Dir jemand die Entscheidung abgenommen - es ist vorbei. Dieses Gefühl ist unverändert geblieben.
Das Gerichtsverfahren geht gerade in die 2. Instanz.
Ende März hatte ich den ersten Alptraum. Ich träumte wie ich als kleines Mädchen miterlebte wie mein Bruder von einem 'schwarzen Mann' umgebracht wurde.
Nach diesem Traum war ich 3 Tage lang krank. Ich war wie gelähmt, alles ist an mir vorbei gerauscht, ich konnte nur vom Bett aufs Sofa und wieder zurück wechseln, habe schwer schlucken und nicht essen können und habe weder Zähne geputzt noch geduscht.
Nach den 3 Tagen konnte ich wieder Luft holen, ich fühlte mich zwar wie gerädert, aber dachte gleichzeitig auch "ach, so war das damals ...". Die nächsten Wochen hat es mich immer wieder geschüttelt und mir das Herz zerrissen, wenn ich an meinen Bruder gedacht habe. Den Bruder, den ich nie mochte, weil er so anders war, für den ich mich als Schwester geschämt und den ich aus tiefsten Herzen abgelehnt habe, weil er immer ausgerissen ist und später mehrere Selbstmordversuche unternommen hat.
Ich wusste von den sexuellen Missbrauch. 1998, ich war 34 Jahre alt, hat mein Vater mir diesen gebeichtet. Auf meine Frage nach dem "warum" hatte er geantwortet: "Es tut mir leid, ich hab nicht anders gekonnt." Ich erinnere mich noch im Detail an meinen Hass, meinen Ekel, meine grenzenlose Wut und ich habe ihn angezeigt.
Mein Bruder, er ist heute ein gebrochener Mann und lebt in betreutem Wohnen in Norddeutschland, hatte mich gebeten, die Anzeige zurück zu ziehen und auch dafür habe ich ihn damals gehasst. Mein Vater ist 2004 elendig gestorben.
Nach dem Alptraum gab es tief in mir ein Gefühl, das sagte, dass ich mich bei meinem Bruder entschuldigen möchte. Ich habe es bis heute noch nicht getan.
Ende April 2010 begann ich dann zu fallen. Ich war lethargisch, habe mich um nichts mehr gekümmert, habe mich nicht mehr gefühlt und musste mich immer mal anfassen, um zu merken, dass ich noch da bin, konnte mich nicht mehr konzentrieren, war wie abgestorben, innerlich leer und konnte nicht mehr schlafen.
Ich habe nur 2 Varianten gekannt: Parkett starren oder Parkett laufen. Soll heissen ich lag wie leer auf dem Bauch und habe aufs Parkett gestarrt oder bin voller Unruhe hin und her gelaufen, ohne, dass ich wusste, wie ich mich wieder beruhigen konnte. Sehr oft habe ich intuitiv entschieden, was mir helfen könnte. Ich habe intensiv Sport getrieben, bin sehr viel draussen gewesen (Parkett laufen kann man auch im Stadtwald, es sind dann eben ‚Furchen’), habe Hörbücher gehört und sehr viel mit meinen Freunden und meinem Freund geredet.
Im Juli fing es an, mir besser zu gehen, geblieben war das Gefühl, dass ich mich nicht mehr spüre, aber die Lethargie und die innere Leere hatten sich gebessert.
Angemeldet hatte ich mich für eine psychiatrische Tagesklinik und mein Aufenthalt dort hat am 09.08.2010 begonnen. Dort wurde ich sprachlos. Mir wurde sehr oft ‚der Spiegel’ vorgehalten, ich habe tolle Menschen kennengelernt und festgestellt, dass sie die gleichen Probleme mit Lethargie, Unruhe und mangelndem Körpergefühl hatten. Nur keiner hatte Alpträume...
Nach zwei Wochen begannen meine Alpträume wieder. Ich träumte von einem fremden Mann, der anwies, dass ein kleines Kind zu töten ist, weil es von seiner Krankheit wusste. In dem Traum konnte ich nicht verhindern, dass das kleine Kind getötet wird. Eine Woche lang bin ich jede Nacht aufgewacht und wurde von Ohnmachtsgefühlen überflutet. Den behandelnden Ärzten hatte ich hiervon immer wieder berichtet.
In der vierten Woche des Aufenthaltes bekam ich Wahrnehmungsstörungen. Entweder sah ich mich irgendwie in der Ferne und konnte mir wie in einem Film zuschauen oder meine Umgebung hat sich verändert, Schränke und Betten wurden grösser und ich ‚schrumpfte’. Auf dieses Symptom haben die Ärzte mit Medikamenten reagiert. Ich bekam Decentan und sie haben mir erklärt, dass meine Seele ‚einen Zaun braucht’., später benannten sie es als Derealisation. Zudem sollte ich für eine Woche nicht an den Gruppentherapiesitzungen teilnehmen. Aufgrund von Decentan waren die nächtlichen Alpträume verschwunden.
Aber ich trat immer noch neben mich. Als Bild: Ich sehe einen Fleischerhaken, der mich am Pullover packt, mich hoch hebt und zur Seite legt – ich hänge wie ein ‚nasser Sack’ ermattet am Haken und bin kurz ‚abgeschaltet’.
In der sechsten Woche des Klinikaufenthaltes kehrten die Alpträume zurück und diesmal träumte ich, dass ich als ca. 11-jähriges Mädchen Zug fahre und einem anderen, fremden Kind begegne, das Milch trinkt. Das Kind gibt mir den leergetrunkenen Becher und als ich diesen in meine Handtasche stecken will, ist diese voller Ameisen und Käfer. Ich wache dann plötzlich auf und ‚grusele’ mich. Ich muss wie ein kleines Kind unter dem Bett schauen, ob dort wirklich keine Ameisen und Käfer sind.
Diesen Alptraum habe ich heute noch, nachdem ich vor 5 Wochen die Klinik verlassen habe. Ich kann mich auch nicht daran gewöhnen, der ‚Schrecken’ und das ‚Gruseln’ sind geblieben.
Am vergangenen Montag habe ich geträumt, dass mir eine unbekannte Stimme mit den Worten „Trau Dich und es wird sterben!“ droht. Ich habe mit Erbrechen, Weinen und Zittern reagiert – auch das habe ich bisher nicht gekannt. Danach geblieben ist Übelkeit, wieder das Gefühl nicht richtig schlucken zu können und der Wunsch eines kleinen Mädchens, sich zu verstecken, einfach nicht mehr da zu sein.
Ist das die Todesangst ‚in mir’? Warum erst 10 Tage nach dem Traum. Stimmt das alles, weil ich es als real, losgelöst und nicht mehr durch mich als 46-jährige steuerbar erlebe?
Das 5-jährige Mädchen, das so verzweifelt war, weil es ohne seine Mama ins Krankenhaus musste, erzählt es mir jetzt ,was es noch mehr hat verzweifeln lassen als die Krankheit im vergangenen Jahr?
Im Internet wird es mit Dekompensation benannt, wenn einem plötzlich die Ressourcen fehlen, die vorher für das Leben gereicht haben. Ich habe vorher nicht schlecht gelebt. Sicherlich sehr schnell, doch unaufmerksam und nicht immer achtsam. Aber mit sehr viel Lust, persönlichem Engagement und sehr grosser Neugier.
Hab ich mich schon vorher verloren und es nur nicht gemerkt, weil ich gegen etwas gekämpft habe. Auf der Flucht und erfolgreich? Warum wollte ich nie zum Gynäkologen und zum Zahnarzt gehen? Fernbeziehungen, weil ich ein Problem mit Nähe habe?
Meine heutige Angst ist weniger geworden und gerade nehme ich mich wieder als eine Person wahr.
Ich werde irgendwann diese Fragen beantworten können oder beantwortet bekommen. Auch wenn dieser Text zu ‚jammerig’ geworden sein, was ich nicht hoffe, dann erlebe ich mich vielleicht so, weil ich weder ‚vor’ noch ‚zurück’ kann, ohne mich aber als Opfer zu fühlen.
Stichworte (Tags): Keine Stichworte (Tags) vergeben
Vor etwa 1 Jahr erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr
Dieser Erfahrungsbericht wurde 191 mal angezeigt.
Sie müssen sich anmelden, um einen Kommentar zu schreiben. Login
Bei diesem Text sind mir die Tränen gekommen. Ich bewundere dich dafür, dass du es so komplex, geradeheraus und doch mit Gefühl geschrieben hast! Danke

Wir kümmern uns gerne um Ihr Anliegen
imedo GmbH
Greifswalder Straße 156
10409 Berlin
Fon: 030 - 688 316 - 0
Fax: 030 - 688 316 - 190
info@imedo.de
imedo ist ein Partner u.a. von:
© 2007 - 2012 imedo GmbH, alle Rechte vorbehalten.
Die unter www.imedo.de angebotenen Dienste und Inhalte sind ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und können in keinem Fall professionelle Beratung oder die Behandlung durch einen Arzt ersetzen