Erfahrungsbericht: Scheiße als Dünger verwenden

Was ist zuerst passiert?
Ich wurde durch meine Erzeugerin in diese Welt gepumpt
Wann ist es passiert?
Als meine Beinchen stark genug waren, um weglaufen zu können...
Was ist sonst passiert?
Als der liebe Gott die Traumata verteilt habe, habe ich wohl zu oft "hier"- "hier" gerufen
Wie endete es?
Im puren, prallen Leben :-)

Heute möchte ich meinen Erfahrungsbericht schreiben. Warum? Weil heute ein verdammt guter Tag für mich ist:

Alles scheint sich in Richtung Zukunft zu entwickeln. Mein Gatte spürt, daß nicht ich allein für sein Leben verantwortlich bin. Den Hunden geht es prima. Kater Arnold kämpft grad draußen. Und meine nagelneuen Ratten Babys sind vor Erschöpfung eingeschlafen.

Am Anfang:

War die Erde öd & leer gewesen. Meine Mutter mußte mich gegen ihren Willen empfangen. Und mein Vater war extrem froh darüber, endlich wieder ein kleines Mädchen sein eigen nennen zu dürfen.

Ich wuchs mit sexuellem Mißbrauch auf. In unserm Milieu hatten die Täter/Innen ein genaues Gespür für die möglichen Opfer. Da meine Erinnerungen sehr spärlich sind, möchte ich, sagen wir mal, einen meinen Onkel, als 1. Vergewaltiger bezeichnen. Vorher spielte sich alles noch in Hosentaschen ohne Futter & sonstigen Übergriffen, ab.

Mit 12 Jahren soff & kiffte ich, was das Zeug hielt. Aber erst mit 17 Jahren, als ich von zuhause wegging, dämmerte mir, daß vielleicht nicht alle Familien ihre Kinder verwahrlosen lassen, sexuell mißbrauchen & prügeln.

Da lebte ich schon in der großen weiten Welt. Teilweise ohne festen Wohnsitz. Und mit einer sehr bruchstückhaften Schulkarriere. Irgendwann vollendete ich meine Fachhochschulreife (Fläche & Plastik) & war selbst erstaunt darüber, daß ich es mit meinem zeitweiligen Drogenschädel dennoch ganz gut geschafft hatte.

Ich verkaufte meinen Körper. Wurde das 1. Mal schwanger. Ließ von einem nicht zugelassenen Arzt abtreiben. Und war später erleichtert, daß die "Gewebereste" zwar unter großen Schmerzen; aber immerhin aus mir herausgekommen sind. Ansonsten wäre ich innerlich vergiftet worden.

Bei der 2, Schwangerschaft war in mit meiner Drogenkarriere schon enorm voran gekommen; nahm Koks & speed & dröhnte mich selbst dermaßen heftig mit Alk zu, daß der Fötus sich von allein verabschiedete. - Rettungswagen - Krankenhaus - Joint im Park- und mein Leben ging weiter & immer weiter...

Ich flüchtete aus der Stadt auf´s Land. Aber überall gab es prima Drogen für mich. Als ich Ende 20 war, lernte ich meinen 1. Lieblingsmenschen kennen: Mandy; ehemals Heroin-abhängig & Hiv-positiv. Wir hatten uns sehr schnell & intensiv ineinander reingeliebt.

Mandy hatte ihren "kalten Entzug" überstanden. Und ich selbst hatte keinen Bock mehr auf Drogen, weil mir zunehmend klarer wurde, was in unserer Sippe alles stattgefunden hat. Ich wollte einfach nicht mehr, als blöde vor sich hin blubberndes "Drogen-Opfer" vor mich hinleben.

Man hatte mich als Bastard aufwachsen lssane. Und sich anschließend darüber beschwert, daß ich mich wie ein Bastard verhielt.

Mandy & Ich liebten & litten 12 jahre lang miteinander - ohne Drogen. 10 Jahre lang pflegte ich Mandy in unserem Zuhause. Und, das strotzte nur so vor Energie & Lebenswillen. Sie starb in meinen Armen. Aber - wir hatten unser Ziel, trotz aller Anfeindungen erreicht. Manche meinten, es wäre verantwortungslos, sie nicht in ein Krankenhaus zu bringen. Doch, wir hatten alles so weit abgesprochen, daß wir uns absolut nicht mehr in unser Leben reinpfuschen lassen wollten.

Ich bereue rein gar nichts aus dieser Zeit. Denn ich hatte mich ganz eng an sie geschmiegt, als ihre Seele endlich diesen allzu schwachen Körper verlassen durfte. Und ich sage noch heute: "Sie hat es geschafft! Und - sie ist in Sicherheit!" Ohne Schmerzen, ohne Drogen & ohne all das Weltliche, was einen Menschen so schwächen & verletzen kann.

Meine Trauer war mit Triumph durchzogen. Dennoch fühlte ich mich extrem auseinander gerissen, halbiert. Ich denke auch heute noch jeden Tag & jede Nacht an sie. Mandy hat es geschafft, Scheiße als Dünger zu verwenden. Und ihr Gesicht war zum Schluß ganz friedlich & sanft. Sie hat während des Sterbens weniger leiden müssen, als während ihres Lebens. Sie ist & bleibt mein kleiner Held, wenn ich mal wieder allzu sehr mit meinem Schicksal hadere.

Nunja; mein Leben ging weiter & immer weiter. War allein, weinte sehr viele Tränen. Als ich wußte, daß Mandy wirklich von mir gegangen war, da schrie ich, wie ein Tier. Es fühlte sich an, als ginge ein verdammter Riß durch meine Seele. Aber, als ich am Tag ihres Begräbnisses einen Regenbogen am Himmel erblickte, wußte ich, daß sie gut angekommen ist.

Gott weiß, wie gern ich sofort wieder bei ihr gewesen wäre, um dieser verrotteten Welt auf Dauer entfliehen zu können.

Circa 1 halbes Jahr später lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Er kam aus einer Scheiß-Beziehung & brachte extrem viele Altlasten mit. Das kostete mich sehr viel Kraft. Weil er vieles aufschob & kaum etwas für sich regelte. Zudem war er körperlich sehr krank (Osteoporose).

Richtig schlimm wurde es, als ihm immer bewußter wurde, daß auch er als Jugendlicher sexuell mißbraucht worden war. Da lag die Welt erneut in Scherben. Er gelangte aus der Manie in eine tiefe Depression, die bis heute anhält.

Über ein Jahr lang versuchte ich, ihn für`s Leben zu kräftigen. Aber, er lebt in seiner eigenen Welt. Und die muß verdammt kalt & grausam sein.

Mir schwanden die eigenen Selbsterhaltungskräfte dahin. Und so sorgte er vor Kurzem selbst dafür, daß sich jetzt 2 mal wöchentlich der sozialpsychatrische Dienst um ihn kümmert.

Ich war absolut überfordert. Und konnte gar kein eigenes, selbstbestimmtes Leben mehr bewältigen. Habe selbst heftig mit Alptraum-Nächten zu tun. Und mit Erinnerungsschüben & einer schier maßlosen Aggression, bei der ich mich oft selbst in mein eigenes Zimmer verbanne, um nicht Amok laufen zu müssen.

Aber nun - zum Schluß:

Heute ist ein Tag, an dem ich, trotz allem, mit mir & meiner Welt zufrieden bin. Aus mir ist kein übler Zombie geworden. Ich reagiere nur sehr sensibel auf jede Art von Verachtung, Neid & Haß. Ich wünsche auch nicht, daß die Menschen alle in Harmonie dahin dümpeln & alle immer gut miteinander sind.

Ich hoffe, daß jeder einzelne Mensch herausfinden mag, was ihm nützt & was ihm schaden könnte. Und, daß die Menschen fähig sind oder werden, wirkliche Beziiehungen einzugehen. Um dadurch Leben ermöglichen zu können.

Leben ist immernoch Leben! Will immernoch genießen & mich manchmal relativ wohl fühlen dürfen.

In diesem Sinne

mit friesischen Grüßen

Karin Maria

P.S.

Ich

habe einen Antrag auf "Opferentschädigung", gestellt. Bin leider nicht mehr arbeitsfähig. Raste zu schnell aus, vertrage (glücklicherweise keine Psychopharmaka), & muß mich Mittags ausruhen, um die Reize eines einzelnen Tages zu verdauen.

Mein Bruder meinte, er würde mich totschlagen, wenn ich nicht endlich meine blöde Fresse halte. Das lag mir lange Zeit im Nacken. Aber jetzt habe ich so gar keine Ängste mehr. Bin mit so viel Gewalt aufgewachsen, daß ich garnicht weiß, womit man mich noch so richtig knechten könnte. Außerdem gibt es für mich Biene Botox, die jeden unangemeldeten Besucher vor die Wand stellt.





















Stichworte (Tags): Keine Stichworte (Tags) vergeben

Vor mehr als 4 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr

Dieser Erfahrungsbericht wurde 739 mal angezeigt.

Danke sagten 1

Kommentare

Sie müssen sich anmelden, um einen Kommentar zu schreiben. Login

  • Liebe KarinMaria
    ich bin schockiert, über das was du durch gemacht hast, jeder denkt sicherlich immer, nur man selbst hat es schwer, muss alle Päckchen dieser Welt tragen, aber mein Leben mit dem deinen zu vergleichen, ist nicht möglich.
    Warum habe ich mich anders entwickelt als du, haben wir beide doch dasselbe erlebt, du vielleicht ,mit noch mehr Härte, ich weiß es nicht.
    Es tut mir leid und gleichzeitig weh, wenn ich lese, welch Scheißschicksal du hattest und andere haben, bzw. es hört ja nie auf, immer wieder, leben unter uns so kranke Hirne, die einem soetwas antun.

    Du bist , so jedenfalls kommt es bei mir an, daraus stark geworden, du hast es geschafft, ich bin stolz auf dich.

    Es wird immer wieder Tage geben, an denen wir zweifeln und der Meinung sind, es hätte alles keinen Sinn mehr, aber du hast es richtig erkannt, das leben als solches ist und kann lebenswert sein. Du hast es geschafft, dich aus allen Zwängen zu befreien und du hast Mut darüber zu sprechen. Ich bewundere dich dafür, auch weil du dich hast nicht unterkriegen lassen.

    Ganz liebe Grüße Punktum

  • WOW

    und Respekt vor soviel Mut und Kampfkraft!!!!
    *knuddel dich mal*
    lg
    der sucher

mehr

© 2007 - 2012 imedo GmbH, alle Rechte vorbehalten.
Die unter www.imedo.de angebotenen Dienste und Inhalte sind ausschließlich zu Informationszwecken bestimmt und können in keinem Fall professionelle Beratung oder die Behandlung durch einen Arzt ersetzen