Erfahrungsbericht: My Story

Thema: Borderline
Was ist zuerst passiert?
Kann man so nicht wirklich sagen...
Wann ist es passiert?
In meiner Jugend
Was ist sonst passiert?
Suizid
Wie endete es?
...hoffentlich gut!

Wo ich beginnen soll, weiß ich selber nicht mehr wirklich, aber vielleicht fing Alles damit an, dass mein Opa an Leukämie erkrankte. Er war nie der Mensch, der gerne zum Arzt oder ins Krankenhaus ging, deswegen war es auch sein Wunsch zuhause zu sterben.

Es gibt Momente, an die ich mich wirklich sehr klar erinnere, z.B. dass wir direkt zu dem Haus meiner Großeltern fuhren, nachdem meine Schwester mich und meinen kleinen Bruder aus der Schule geholt hatte, als es "soweit" war. Als wir da waren, waren schon meine Tante und mein Onkel samt Familien da. Auch weiß ich noch, dass ich mit meiner kleinen Cousine und meinem kleinen Cousin gespielt habe, weil für sie das ganze noch nicht wirklich begreifbar war, und als dann meine Schwester kam, wusste ich zuerst nicht, was sie meinte, wie sie da in der Tür stand und mir zuwinkte.

Wir waren alle dabei, als mein Opa gestorben ist, so wie er es immer wollte. Er wollte schon immer im Kreise seiner Familie sein, wenn er gehen musste. Im Nachhinein würde ich behaupten war das keine gute Idee, denn ich datiere den Anfang meines psychischen "Werdegangs" auf den Tod meines Opas.

Das Leben geht weiter, allerdings hatte ich die ersten Wochen immer wieder Zusammenbrüche in der Schule und Zuhause, wenn ich an den Tod meines Opas dachte. Er war der erste Tote, den ich in meinem Leben verabschieden musste.

Und dann bekam alles irgendwie eine gewissen Eigendynamik: Ich wurde sehr schlecht in der Schule, meine Noten wurden trotz Lernen immer schlechter, ich hatte meinen ersten Freund und meine Eltern verloren irgendwie Kontrolle über mich. Und ich selber auch.

Mein erster Freund und ich hatten irgendwann eine sehr innige Beziehung, wie es nun einmal mit der ersten großen Liebe ist, wir waren auch 3,5 Jahre zusammen, was mit 14 Jahren doch relativ erstaunlich ist. Wir sahen uns jeden Tag und wurden uns auch immer ähnlicher. War er anfangs noch der Hiphopper, hatte ich schon den Punk für mich entdeckt, den er irgendwann auch zu seiner Leidenschaft machte. Es folgte krasse Jahre als kleine Punks, wie man sich es halt vorstellen kann. Die Verbindung zu meinen Eltern verlor ich allerdings immer mehr und mehr.

Da ich aus einem konservativen Haushalt komme, kam mein Vater überhaupt nicht damit zurecht, dass seine Tochter "wie eine drogenabhängige Nutte, die auf dem Strich geht" aussieht. So beschrieb er es. Auf die Spitze trieb ich es, als meine beste Freundin, mein Freund und ich uns einen Irokesen schnitten. Ich empfand es als nicht sehr schlimm, aber als ich zuhause war, hatte ich noch einen Mütze auf, als ich vor meinem Vater stand. "Papa, was würdest du sagen, wenn ich einen Iro hätte?" Er lachte noch und sagte, "jetzt zieh´ erstmal deine Mütze ab...", was ich dann natürlich auch tat, aber das einzige, was dann noch kam war: "Raus, du bist nicht mehr meine Tochter!"

Die Folge war, dass mein Vater mich für zwei Wochen rausschmiss ("Ja, nehm sie mit, sie gehört eh nicht mehr zu unserer Familie! Ich will sie jedensfalls nicht haben!") und ich bei meinem Freund und dessen Familie wohnte. Danach durfte ich wieder zuhause wohnen, allerdings am Tisch nur mit Mütze sitzen.

Wann genau das mit dem Ritzen begann, weiß ich nicht mehr, aber wie es begann. Die Beziehung mit meinem ersten Freund war ein ständiges Auf und Ab: Wir konnten nicht miteinander und auch nicht ohne, als wir uns später trennten, lag es auch nicht an unseren Gefühlen, sondern, weil wir uns erstmal um uns kümmern mussten... Heute weiß ich einfach, dass wir beide psychisch sehr labil waren/sind.

Er hatte ebenfalls ständigen Stress mit seiner Mutter, die als alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen in der Pubertät total überfordert war. Und eines Nachts wollte er nur noch weg. Ich war bei meinen Eltern und als er anrief war er schon unterwegs, und wollte mir auch nicht sagen, wohin er geht oder will. Ich war total verzweifelt, fühlte mich ohnmächtig und hilflos. Und: schuldig. Schuldig deswegen, weil ich ihm in diesen Augenblick nicht helfen konnte und ich fing an mich selbst zu hassen. In dieser Nacht habe ich angefangen mir meine Arme blutig zu kratzen, und in den Wochen danach steigerte ich mich da immer mehr hinein.

Ich hatte auch immernoch Stress mit meinen Eltern, sie machten mir Druck in der Schule, gaben mir zu spüren, dass ich es nicht wert war. Als ich dann sitzenblieb war ich nur noch "die Schande der Familie", das Ritzen wurde dann auch immer schlimmer. Teilweise ritze ich mich jeden Tag und immer heftiger.

Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es eine Krankheit ist, bis ich zufällig irgendwann (warum, weiß ich selber nicht mehr) auf den Trichter kam, dass mit mir irgendwas nicht stimmen konnte. Meine Eltern haben kurz davor davon erfahren, nachdem sie mich beim Ritzen erwischt hatten. Sämtliche Gegenstände, die scharf waren, wurden aus meinem Zimmer entfernt, Scheren durfte ich nur unter Aufsicht benutzen, mein Zimmerschlüssel wurde mir weggenommen und meine Arme jeden Tag kontrolliert.

Mein Hausarzt überwies mich dann zu einem Psychiater (der seine Diagnostik leider nie beenden konnte), der mit mir verschiedene Tests machte, Gespräche mit mir und meiner Familie führte. Ich bekam Antidepressiva und wusste über mich selber nach den paar Stunden, dass ich starke Autoagressionen (in Form von SSV), starken Hand zu Borderline, Depressionen hatte und suizidgefährdet war. Meine Persönlichkeit besteht zu 50% männlichen und 50% weiblichen Denken...

Die Antidepressiva halfen mir die ersten Zeit sehr gut, alles prallte an mir ab und ich war froh drum mal einfach "Nix" zu fühlen. Allerdings brachten sie irgendwann nichts mehr, als ich bei meinem ersten Freund Emails an ein Mädchen entdeckte, mit der er eigentlich Schluss gemacht hatte (so dachte ich es), die eindeutig waren (das sind wiederum gaaanz andere Geschichten). Irgendwie ging dann etwas mit mir durch, ich war alleine in Wohnung meines damaligen Freundes und ging einfach nur noch auf den Medizinschrank zu, sah die Paracetamol und schmiss mir einfach alles rein, was ging. Anscheinend waren es 30 Stück, und nach dieser Geschichte, konnte ich erstmal jahrelang keine Tabletten schlucken.

Aber dann merkte ich, dass ich doch einen Fehler gemacht hatte, rief meine Ärztin an, die meinen Vater kontaktierte, der mich abholte. Niemand bekam wirklich was mit, mein damaliger Freund war da immernoch unterwegs. Als ich dann zuhause war, war ich schon total benebelt, mein Vater wollte, dass ich die Tabletten erbrechen, ich weigerte mich aber, ein Krankenwagen kam (diese Erinnerung kommt mir erst jetzt, weil ich mich wieder an den Sanitäter erinnere, der mich noch fragt, warum solche Mädchen wie ich nur solche Sachen machen), wo ich eine Infusion bekam und die Nacht über auf der Intensivstation bleiben musste - mit abgeschraubten Fensterhebeln.

Ich weiß nicht, ob es am nächsten Tag geschah, aber ich wurde vom KH direkt nach Hirsau in die Psychatrie gefahren. Ich sehe mich jetzt noch im Schlafanzug (da ja direkt aus dem KH) in diesem Flur sitzen und wie Pfleger überlegen, wo sie mich unterbringen, und wie mich die anderen Insassen neugierig beäugen.

Die Zeit in der "Klapse" hat mich sehr geprägt, dadurch das mein persönliches Weltbild total verschoben war, wurde es hier wieder richtig hingebogen. Wenn man Menschen sieht, die "echte" Probleme haben und sich dann sieht, dann denkt man schon darüber nach, was eigentlich mit einem "kaputt" ist.

Ich war nur gute 1,5 Wochen in Hirsau, was mir aber völlig langte. Als ich dort war, machte mein damaliger Freund Schluss und irgendwie bin ich ihm bis heute dafür dankbar. Es war die erste Depression, aus der ich mich selbst rettete... Ich konnte mich zum ersten Mal dagegen wehren, in dieses Loch zu fallen, wo man sich wertlos, leer und nutzlos fühlt und im Selbstmord nur eine Entlastung der anderen sieht.

Als ich entlassen wurde, hielt ich mich für gesund, mittlerweile weiß ich aber wieder, dass ich mehr auf mich aufpassen muss. Das Problem an der Sache ist, dass ich meine Beziehungspartner nur sehr schwer an mich ran lasse, weil ich besser auf mich aufpassen muss. Das habe ich zumindest gelernt...

PS: Entschuldigt die Rechtschreibfehler...



Stichworte (Tags): borderline, ritzen, suizid

Vor mehr als 4 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr

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Kommentare

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  • Mir gefaellt Dein Bild.

  • Liebe Chrisi, Du machst ja wirklich Schreckliches durch

    Hallo Chrisi,

    Ich kann mich schlecht in Deine Situation versetzen, aber ich wuensche Dir viel viel Kraft, dass Du Dich aus dem Schlamassel schrittchenweise befreien kannst.

    Ich druecke Dir ganz fest die Daumen.

    Ich hoffe fest, Du lernst Dich selbst zu Lieben, denn Du bist ein guter Mensch und eine interessante Frau.

    Liebe Gruesse aus China,

    Rolf

  • Das muss verdammt schwer sein damit klarzukommen. Du hast dir wirklich Respekt verdient das du so ehrlich und klar darüber schreiben kannst. ich wünsche dir das du irgendwann einen Partner findest an dem du dich anlehnen kannst udn der deine Probleme verstehen kann.

    Lieben Gruß Nicole

  • Selbstverletzendes Verhalten

    Hallo chrisi
    wollte mal DANKE sagen. Ist ein sehr aufschlussreicher Bericht, Deine Story, meine Exfrau hat wahrscheinlich die gleichen Symptome, aber ich bin und war, trotz Krankenpflegeausbildung, total überfordert, wahrscheinlich durch die persönliche Betroffenheit (Auch Ärzte sind schlechte Therapeuten an der eigenen Familie).
    Dir einen Ganz Lieben Gruss und pass weiterhin sehr gut auf Dich auf
    hig5

  • Selbstverletzendes Verhalten, Probleme mit den Eltern

    Hallo Chrisi! Mit sehr viel Bewunderung habe ich deinen Bericht gelesen. Ich bewundere dich dafür das Du immer noch Mut hast und alles durchgestanden hast. Wenn Du Lust hast, melde dich doch mal. GlG Chris60

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