Erfahrungsbericht: Meine Erlebnisse mit Depessionen, Angst und Panik und mein Umgang damit

Thema: Depressionen
Was ist zuerst passiert?
Depressionen mit Panikattcken überfielen mich
Wann ist es passiert?
kurz nach der Entbindung meiner Kinder
Was ist sonst passiert?
keine ärztliche Hilfe - Dauer fast 8 Jahre
Wie endete es?
Nach einer OP

Vorgeschichte

Mein Leben verlief in meiner Jugend sehr geordnet und genau nach Plan. Ich war seit meinem 17. Lebensjahr berufstätig, war mit fast 19 Jahren zur Olypiade 1972 abgeordnet um Fersehübertragungen auf dem Olypiaturm zu überwachen und Störungen zu beseitigen. Ich traute mir zu, alles im Leben zu erreichen, was ich nur wollte. Neben dem Beruf ging ich aufs Abendgymnasium, machte mein Abi und war ehrenamtlich in der Kinderarbeit unserer Gemeinde tätig. Man beschrieb mich als extrovertiert und ich hatte immer einen größeren Freundeskreis um mich. Es mangelte auch nicht an Verehrern, was mir ein starkes Selbstbewutsein gab. Ohnehin hatte ich durch meinen tollen Vater dieses schon früh in mir.

Nach der Rückkehr aus München lernte ich meinen Mann kennen (damals 18). Wir waren in einem Mitarbeiterteam für die Kinder und Jugendarbeit, sowie einer Gemeindezeitung und arbeiteten immer als ideales Team. Verliebt haben wir uns aber erst 5 Jahre später ineinander und bauten unser Nest für 4 gewollte Kinder.

Beginn der Krankheit

Als er die Probezeit als Ingenieur hinter sich hatte und ich Beamtin auf Lebenszeit war, heirateten wir und wollten auch sofort unser erstes Kind auf den Weg bringen. Wunschkind Nummer eins wurde ein Jahr später geboren. Die Schwangerschaft verlief von Anfang an euphorisch. Die Geburt war äußerst hart, weil ich eine Schmerzkrankheit habe, von der ich damals noch nichts wußte. Als meine Tochter da war, hatte ich sehr hohe Ansprüche an mich als Mutter. Mein Alltag war immer durchgeplant, aber meine Kleine brachte meinen Tagesablauf vollkommen durcheinander. Obwohl ich doch so viele Bücher über Babys gelesen hatte und seit 10 Jahren die Elternzeitung las, war ich nicht auf die Realität vorbereitet. Mein Schatz entspach keinem dieser Babys von denen ich las. Nach 2 Monaten kam dann die erste Panikattacke - von da an täglich.

Ablauf der Depressionen

Es begann jeden Morgen kurz vor 6h. Ich spürte wie die Depression quasi aus dem Bauchraum hochwanderte und mir die Kehle zuschnürte. Mein Herz begann zu rasen und ich hyperventielierte (war mir damals nicht bewußt). Spätestens nachdem mein Mann zur Arbeit ging kamen die Panik und Selbstmordgedanken, begleitet von Durchfall. Ich mußte viel weinen und versuchte das vor meinem Baby zu verbergen. So ab 11h bis spätestens 12h war der Spuk vorüber. Ich fühlte mich normal und nachmittags dachte ich oft: "Wie konntest du dich heute morgen nur so anstellen." Wenn mein Mann nach Hause kam, drückte ich ihm unser Baby in den Arm und machte einen Stadtbummel, der mich immer wieder entspannte. Damit meine Kleine nicht meine Stresshormone mitbekommt, setzte ich sie von der Brust ab. (Dies gelang ohne Komplikationen). - Dieser beschriebene Ablauf der Depris vollzog sich täglich. Nach ca. einem guten halben Jahr verschwand sie allmählich.

In der Depression suchte ich nach Gründen und meinte ich müßte das doch in den Griff bekommen. (Schließlich gelang mir ja immer alles). Ich dachte es läge an der Lebensumstellung. Nach 10 Jahren im Beruf plötzlich allein zu Hause - ohne Ansprechpartner für sehr viele Stunden - Umzug in eine Neue Stadt - Hochzeit - Baby. Ich hielt das alles für die Ursache.

Rückfall

Zum Glück war nun alles überstanden und unser Wunschkind Nr. 2 wurde auf den Weg ins Leben geschickt. Unsere zweite Tochter wurde 22 Monate nach der ersten geboren. Wieder erlebte ich eine besonders glückliche Schwangerschaft. Die Geburt dauerte auch nur halb so lang. Beide Geburten waren noch durch besondere Ängste um das Leben der Babys überschattet. Die ältere wäre beinahe erstickt und die zweite evtl.Tod geboren worden, weil man keine Herztöne fand. Nach der Geburt waren aber beide Kinder gesund und erholten sich schnell. Als inzwischen erfahrene Mutter sollte diesmal alles besser klappen. Tat es auch - und alle freuten sich mit mir. 4 Monate später aber überkam mich von innerhalb weniger Minuten eine Panikattacke vom Feinsten nebst Ängsten und einer starken Depression. Die Ärzte konnten mir nicht helfen und Psychotherapie scheiterte an unterschiedlichen Lebensbildern. Diesmal sollte es 7 Jahre dauern, bis ich von den fast täglichen Überlebenskämpfen befreit wurde.

Mein Umgang mit den Depressionen

Da ich nicht glauben wollte, dass ich allein von solch einem Schicksal betroffen bin und das gar nicht zu meinem Wesen zu passen schien, redetet ich viel mit anderen darüber. Ich hatte keine Angst abgestempelt zu werden und hoffte auf diese Weise von anderen Fällen zu hören. Auch mein Mann tat dies. So erfuhren wir nach einiger Zeit von 3 Frauen, denen es genauso erging. Mit einer schloss ich Kontakt.

Ich las Bücher - lieh auch welche aus der medizinischen Fakultät in Dssd. Dort erfuhr ich, dass man in England und Amerika von einer Depression weiß, die bei einer Frau von Tausend in der Zeit nach der Entbindung bis zu einem Jahr danach noch auftitt und maximal 4 Jahre anhält. Internet gab es leider noch nicht. Wie sehr hätte ich das damals gebraucht.

Mit diesem Wissen konfrontierte ich meinen Gynäkologen, Internisten und Psychologen. Keiner wußte etwas darüber. Keiner erkannte, dass meine Panikattacken mit Hyperventilation zusammenhängen. Depressionen sind schon schlimm, Panik ist die Härte und ich verstehe jeden der keinen anderen Ausweg sieht, als sich das Leben zu nehmen.

Ich organisierte in unserer Gemeinde ein paar Frauen und den Freund meines Mannes, entweder mich morgends zu besuchen oder selber dorthin flüchten zu dürfen (mit den Babys natürlich). Es half mir sehr in der Depression nicht allein zu sein, was bedeutete, dass die Anwesenheit einer weiteren erwachsenen Person mich entlastete, ohne dass ich mit ihnen auch reden mußte. Oft schlief ich bei den Leuten, während sie mit meine Kindern spielten.

Schlaf half mir sehr. Wann immer ich die Gelegenheit hatte zog ich die Decke über den Kopf. Mein Mann wußte abends nie genau ob ich zuhause war, oder mit den Kiddies unterwegs. Manchmal bis zur 60 km entfernten Mutter.

Da ich in der Depression immer mit Verzögerung reagierte, half mir meine 2jährige schon beim Babyhüten. Sie ist heute 25J. und meint ihre Angst vor einem eigenen Kind läg daran, dass sie als keines Mädchen überfordert war. Ich denke sie könnte Recht haben, darum reden wir gerade viel miteinander um das aufzuarbeiten.

Medikamente halfen mir nicht. Danach kamen die Depressionen zu den verschiedensten Tageszeiten und schürten meine Angst vor der Angst. Ohne Medis wußte ich wenigsten wann sie kamen und wie lange sie bleiben würden.

Vorläufiges Ende der Krankheit

1991 (also 7 Jahren nach der zweiten Entbindung - weitere Kinder waren unter den Umständen nicht möglich) mußte meine Gebährmutter entfernt werden. Ich wäre beinahe verblutet und hatte riesige Myome. Es gab keine Zeit sich von meinem Kinderwunsch zu verabschieden, den ich immer noch hegte für Zeiten ohne Depressionen. Innerhalb von 2 Tagen wurde ich operiert. Wieder zu Hause blieben die Depressionen aus. Allerdings brauchte ich ein halbes Jahr um das zu realisieren. Geblieben war nämlich die Angst vor der Angst. Ich wartete förmlich täglich darauf, dass ich wieder einen schlechten Tag hab.

Fazit

Meine Depressionen waren hormonell bedingt und es folgten 9 Jahre gänzlich ohne Depressionen. Das was ein Leben!! Erst in den Wechseljahren kamen sie in sehr abgeschwächter Form wieder, wo ich gut mit umgehen konnte. Inzwischen bekomme ich wirksame Medikamente schon aufgrund meiner Fibromyalgie. Diese Psychopharmaka helfen mir nun auf zweierlei Weise. Geblieben ist ein enormer Kräfteverlust, Antriebsschwäche und eine Soziophobie. Immer wenn ich Fremden oder Nachbarn begegne meine ich mich rechtfertigen zu müssen. Ich weiß, dass das nicht sein muß, aber in Gesellschaft fühle ich mich einfach nicht mehr wohl. Im Kopf bin ich aber wieder die Alte, unternehmungslustige (aufs Internet und Reisen bezogen) vielseitig interessierte und wissensdurstige Heidi.

Allen, die unter Depressionen leiden wünsche ich neben Heilung auch soviel Verständnis in der Familie, Verwandtschaft und nächster Umgebung, wie man es mir entgegenbrachte.

Heidii

Stichworte (Tags): depressionen, hormonelle Störung, Panikattacken, Selbstmordgedanken, Soziophobie

Vor mehr als 4 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr

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