- Was ist zuerst passiert?
- angstfördernde Erlebnisse und überhöhte Schmerzempfindlichkeit
- Wann ist es passiert?
- in der Kindheit
- Was ist sonst passiert?
- Angstattacken, Depressionen, Panikattacken, chronische Schmerzen
- Wie endete es?
- dauert zum Teil noch an
Bis zu meinem 4. Lebensjahr hatte ich eine angstfreie und wohlbehütete Kindheit.
Mobbing im KH
Mein Vater wurde politisch bedrängt und beobachtet. So beschlossen meine Eltern mit meiner älteren Schwester und mir in den Westen zu fliehen. Im Berliner Flüchtlingslager bekamen wir Kinder ansteckende Krankheiten und mußten ins Krankenhaus. Dort wurde ich als einzige 4jährige unter 8jährigen Kindern (um die 20), wie man heute sagt, gemobbt. (Es war ja gut gemeint, weil ich so in der Nähe meiner Schwester sein konnte) Meine Eltern durften mich 8 Wochen lang nicht besuchen. Wenige Wochen später wurde ich nochmal für 6 Wochen zur Kur geschickt. Seit der Zeit leide ich unter Verlustängsten.
Fast Alles wurde gut
Ab dem Teenageralter konnte man mich tagsüber endlich allein lassen. Langsam wurden die Ängste weniger. Manchmal war ich sogar ins andere Extrem gefallen und ging im Dunkeln durch einen Park nach Hause. Es begann eine Phase, in der alles Bestens lief - bis auf meine Schmerzempfindlichkeit.
Schmerzerlebnisse
Beim Zahnarzt bekam ich seit Kindestagen immer eine Schmerzspritze mehr - oder auch mal zwei Nachspritzen, weil ich immer noch Schmerzen spürte. Das hat mich nicht weiter gestört, hauptsache irgendwann merkte ich dann nichts mehr.
Meine Periode war von Anfang an so schmerzhaft wie Wehen. Ich verlor jedesmal sehr viel Blut. Das hielt ich für normal - meiner Schwester ging es genauso, mehr Vergleiche hatte ich nicht.
Ein weiteres Erlebnis war heftig: Ich war 16. Meine Mandeln sollten entfernt werden. Ängstlich ging ich in den OP. Die Mandeln sollten mit örtlicher Betäubung entnommen werden. Ich bekam die normalen Betäubungsspritzen und nach der normalen Wartezeit begann der Doc zu schneiden. Ich hab geschrien was mehr ein Würgen war und der Arzt meinte, er würde mir noch zusätzliche Schmerzmittel spritzen. Wieder durfte ich etwas warten - dann begann er seine Arbeit. Wieder wollte ich das Haus zusammen schreien, würgte, weinte, spuckte Blut und sagte ich spür doch alles! Worauf der Doc mir Eine knallte, den Schwestern befahl mich festzuschnallen und halten und so beendete er sein Werk maulend, dass die eine Seite aufgrund meines Schreiens weiter eingerissen sei und er nun mehr nähen müßte. - Die Narbe spüre ich heute noch...
Im Beruf bekam ich dann schnell Sehnenscheidenentzündungen, beim Autofahren ab Mitte 20 Schmerzen in den Knien. Beim Gehen war ich immer die, die zuerst zurück wollte und auf Wanderungen nie mitging. Keiner fand das bedenklich, man schob es auf meine Rachitis, die aber ausgeheilt war. Die Befunde bei den Ärzten fielen stets so unauffällig aus, dass man sich die Intensität der Schmerzen nicht erklären konnte.
Depressionen, Angst- und Panikattacken
Ende 20 heiratete ich und bekam mein erstes Wunschkind. Die Entbindung war schmerzmäßig Horror. Aus falsch verstandener Ablehnung gegenüber Medikamenten (andere Frauen schaffen das doch auch) waren alle Wehen in den 16 Stunden so hart für mich wie Presswehen, denn die machten keinen Unterschied mehr aus zu dem was zuvor ablief. Wieder dachte ich, dass alle Frauen das mehr oder weniger so fühlen würden. Meine Tochter war 2 Monate alt und ich bekam Depressionen der ganz schlimmern Sorte mit Panikattacken. Keiner, der mich kannte, am wenigsten ich selber, hätte das je von mir gedacht. Ich war zuvor sehr lebenslustig, agil und tanzte auf vielen Hochzeiten. Neben meinem Beruf besuchte ich das Abendengym., machte einmal die Woche Kinderarbeit in einem sozialen Brennpunkt und traf mich abends mit meinen Freunden.
Die Depressionen hielten ein halbes Jahr an und waren dann weg. Also dachte ich: ok du warst mit Hochzeit, neue Stadt, neue Dienststelle und dann das Kind überfordert. Nun ist alles gut. Einem zweiten Kind stand nun nichts mehr im Wege (wir wollten 4). Ich erlebte jeweils tolle Schwangerschaftszeiten. Ich war richtig high und happy. Nach der 2. Geburt wartete ich ängstlich ob ich wieder diese Depressionen (von denen man damals in Amerika wußte, dass sie mit den Entbindungen zu tun haben - nur hier sagte mir kein Arzt was davon) ob das wieder losgehen würde. Auch nach 4 Monaten ging es mir immer noch gut - - und dann kam der Tag wo ich von jetzt auf gleich eine Panikattacke bekam. Wie ein Blitz traf es mich. Die Depression meldete sich zurück - und meinte hartnäckig 7 Jahre lang mich begleiten zu müssen.
7 Jahre jeden Tag ums eigene Überleben kämpfen, die Kinder versorgen, auf den Mann warten, sich so gut es ging erholen um am nächsten morgen pünktlich um kurz vor 6 wieder die Depression heranrollen zu fühlen, der Lust nicht nachgeben, sich umbringen zu wollen, die Kinder versorgen...
Ende der Depressionen
Nach diesen 7 Jahren mußte meine Gebährmutter entfernt werden. Von jetzt auf gleich. Mir bleib keine Zeit mehr mich von dem Kinderwunsch in besseren Zeiten zu verabschieden. Ich glaubte immer noch, dass ich wieder zur Normalität fände und unser 2 nächsten Babys bekommen könnte. Nun - nach der OP waren die Depressionen verschwunden. Allerdings hatte ich noch ein halbes Jahr lang dies gar nicht realisiert, weil ich jeden Tag Angst vor der Angst hatte. Dann wurde mir klar, dass ich seit der OP keine Depris mehr hatte und die Angst vor der Angst wich auch langsam.
WoW war das ein Leben!!!! Wie neu geboren! Meine Mädels waren leider inzwischen schon 8 und 10 Jahre alt. Ich hab ihr Aufwachsen gar nicht wargenommen. Dies tut mir bis heute zuweilen weh. Mein Mann war ihnen in den Jahren die bessere Mutter - und natürlich Vater zugleich.
Bis zu den Wechseljahren hatte ich keine Depressionen mehr. Dann kamen sie wieder. Aber dank verträglicherer Medis und eines entscheidenenden Tipps von einem Chatfreund (Arzt) gegen die Panik (Vermeidung der Hyperwentilation) leide ich nur an Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit, aber empfinde keine Ängste mehr.
Fibromyalgie
In all den Jahren nahm meine Schmerzenpfindlichkeit und damit meine Ärzteodyssee weiter zu. Aufgrund meiner Arthrosen in den Knien mußte ich 1998 zur Reha. In Bad Nenndorf bekam ich dann einen Zettel mit dem Krankheitsbild Fibromyalgie. Schon beim Anlesen rannen mir Tränen der Erleichterung über die Wangen. Da beschrieb man mich. Ich war also keine Simulantin. Ich bildete mir die diversen Schmerzen auch nicht ein. Meine Krankheit hatte einen Namen. Mit dieser Diagnose wurde ich entlassen.
Als nächstes ging ich zum Hausarzt und erzählte ihm ich hätte Fibromyalgie. Worauf er fragte, wer das denn gesagt hätte. Ich hatte die Diagnose aber noch von einem Prof. für Rheumatologie bestätigen lassen. Dennoch meinte der Hausarzt: "Fibromyalgie ist ja eine reine Ausschlußdiagnose - das sagt man schnell, wenn man nicht mehr weiter weiß...das heißt doch NUR Fasermuskelschmerz." Ihr könnt euch vorstellen, wie ich die Praxis verließ.
Aussicht
Da meine Gesundheit noch nicht wieder hergestellt ist, sich aber doch einiges gebessert hat, hoffe ich, dass diverse Studien eines Tages wirksame Medikamente finden, die mir die teilweise unerträglichen Schmerzen nehmen. Mein Leben findet zu 90% auf dem Bett statt, weil ich Angst hab irgendwo anzustoßen, da meine Schmerzgrenze sehr niedrig ist. An manchen Körperstellen reicht eine leichte Berührung um starken Schmerz zu empfinden. Schmerzmittel wurden in einer Klinik erprobt - ohne nennenswerten Erfolg.
Inzwischen hab ich gelernt zu fragen: "Was kann ich trotz Fibro noch tun?" und aufgegeben gegen sie anzukämpfen. Ich versuche jeden Tag das Beste draus zu machen.
Stichworte (Tags):
angst, depressionen, Fibromyalgie, Mobbing, Panikattacken, Schmerzerlebnisse
Vor mehr als 4 Jahren erstellt, letzte Aktualisierung vor etwa 1 Jahr
Dieser Erfahrungsbericht wurde 1073 mal angezeigt.