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    Hallo Helmut/Atlantis123!

    Hmmm, ich fürchte, hier wird es langsam schwierig ... weil ich nicht mehr wirklich objektiv bleiben kann - weil es zu sehr mit mir selbst zu tun hat ... und weil es vor allem zu sehr ans Eingemachte, also an MEINE GANZ PERSÖNLICHE Lebens- und Denk- und Überzeugungsbasis, geht. Die mir sehr wichtig ist - für MEIN Leben + Überleben ... und für meinen Mut zum Weitergehen.

    Ich bitte daher um Nachsicht und Vergebung, wenn meine Worte nun doch recht einseitig ge-(ver?)färbt bleiben. Ich glaube zu verstehen, was Du meinst ... und ein allgemeiner, schneller, unpersönlicher Teil von mir würde Dir vielleicht auch gern in weiteren Punkten zustimmen ... weil es einfacher wäre ... weil es irgendwie logisch klingt ... weil es verlockt und verführt ...

    Aber ich will und kann das nicht. Zu viel in mir kennt und glaubt und weiß es anders. Ich bin mir bewusst, dass das so vielleicht (wahrscheinlich?) nicht für alle ist ... dass ich es jedenfalls nicht für alle wissen oder gar entscheiden kann ... dass die Menschen eben sehr verschieden sind ... und dass ich nur für mich selbst sprechen und denken und entscheiden kann. Schon die Entscheidungen für meinen Sohn sind immer schwierig und gefährlich. Du musst mir auch wirklich nicht zustimmen (so wie auch andere das nicht müssen) ... nur vielleicht kannst Du versuchen, meine Denkweisen + meine Glaubenssätze vor dem Hintergrund meiner Biographie + meines Lebens ein wenig zu verstehen. Und sie nicht vorschnell verdammen - nur weil sie für andere vielleicht anders sind. Dankeschön dafür!

    "Sind wir Menschen nicht irgendwie auch darauf angewiesen, eigene Erfahrungen - auf solchen Gebieten auch immer - zu machen?"

    -> Nein, ich persönlich glaube ganz fest, dass ich keineswegs alles selbst ausprobieren oder erleben muss ... ich kann auch bereits aufgrund von sachlichen Informationen oder Erfahrungen anderer zu dem Schluss kommen, dass DAS nicht meins ist. Genau wie es auch umgekehrt möglich ist, Gutes nur anhand von sachlichen Informationen oder Erfahrungen anderer zu lernen. Daran glaube ich und MUSS ich glauben ... sonst könnte ich gleich einpacken ...

    "Wenn das Elternhaus heute nicht mehr die Autorität besitzt wie noch vor 20 bis 50 Jahren, dann hat es die heutige junge Generation deutlich schwerer."

    Hmmm, ja, auch mein Elternhaus hatte eine mächtige, ja ÜBERmächtige Autorität. Insbesondere Mutter besaß die absolute Macht über mich ... über Schulbesuch oder nicht Schulbesuch ... über Hunger + Durst ... über Blut + Schmerzen ... über Leben und Tod ... über alles. Doch ist DAS wirklich wünschenswert??? Ich persönlich lehne das kategorisch ab! Und ich bin froh, dass mein Verhältnis zu meinem Sohn eher von Achtung, Wertschätzung, Liebe und Verständnis geprägt ist. Und ich bin ebenso davon überzeugt, dass mein Sohn es leichter haben wird im Leben - weil er sich nicht jedes klitzekleine Stückchen Normalität so hart erkämpfen muss. Und weil er nicht von heute auf morgen aus den himmelhohen Mauern + handbreitkurzen Ketten des Zwangs und Drucks in die gähnende Leere der Freiheit und des Selbst-entscheiden-müssens fällt - sondern Stück für Stück in Verantwortung und Entscheidungen usw. reinwächst ... durch Wissen, Üben, Rückmeldungen usw. Ich persönlich glaube nämlich, dass ein derartiger Druck + Zwang (eben die "Autorität") eher ins Gegenteil münden kann - wenn dann irgendwann plötzlich alles möglich ist. Etwa so ähnlich, wie wenn ich fast nie Geld in den Händen halte ... und dann plötzlich von einem Tag auf den anderen monatlich 60 Mark (Ostmark damals noch) erhalte - und davon leben muss. Ein Betrag, der mir (die nie mehr als 1-2 Mark in den Händen hielt - und davon manchmal 2-5 Tage ernährungsmäßig lebte) unermesslich groß erschien - aber mit Kohlen, Schulheften, Waschpulver und allem natürlich längst nicht so unermesslich groß war. Selbst wenn die Miete bezahlt wurde. Das ging bei mir in den ersten zwei Monaten total schief.

    "Wo sind denn die so dringend benötigten positiven Idole, die Vorbilder?"

    -> Ich betrachte es als eine meiner wichtigen Aufgaben, meinen Sohn auch auf seiner Suche nach seinen Idealen zu begleiten und zu unterstützen. So war z. B. bei seinem Teenie-Parcours (die letzten 6 Monate, bevor er eben Teenie wurde) eine Aufgabe bzw. ein Themenfeld die Beschäftigung mit 2 Menschen, von denen mind. noch einer lebt ... und die ihn irgendwie beeindrucken, motivieren oder so. Ja, es gibt sie auch heute noch ... manche Wissenschaftler, Sportler, Politiker, Denker oder so - oder auch die Nachbarn und Ehrenamtler von "um die Ecke" oder so ... die Mut machen, die nicht weg- - sondern hinsehen ... und was tun ... und bei alledem weder den Kontakt zu sich selbst - noch den zu Mitmenschen + Mutter Erde verlieren. Okay, sie stehen selten in den Zeitungen ... schon gar nicht auf den Titelblättern ... denn da verkaufen sich Katastrophen + Tragödien oder so weit besser. Leider. Aber: Es gibt sie!!!

    Ebenso sind und bleiben wir natürlich im Gespräch über Idole der Musik ... was toll an ihnen ist ... was vielleicht auch bedenklich oder weniger nachahmenswert ... usw. nicht aus Verbotsgründen oder so - sondern mehr, um seinen Geist anzuregen, selbst genauer hinzuschauen und nachzudenken ... und nicht blind irgendwem oder irgendwas hinterherzudackeln. Mit dem Ergebnis, dass er fast überall zu den Tonangebern gehört - obwohl er nie laut oder so ist ... sich nicht vordrängt ... kein "Macher" ist ... und obwohl er nicht zu den "In-Cliquen" gehört, eigentlich zu gar keiner so wirklich - und dennoch irgendwie zu allen ... aber irgendwie wissen dennoch alle: Was er macht + sagt - das hat Hand und Fuß. Er ist schwierig (besonders für einige Lehrer) ... er ist auch mal frech ... er fordert mich und andere - und er provoziert ... aber er denkt selbst. Und er setzt sich ein für das, was wichtig und richtig ist. DAS ist mir wichtig!

    Es ist nur schade, dass so viele Eltern (und vor allem Lehrer) es wichtiger finden, dass die Kinder brav sind. Angepasst ... still ... und letztlich immer möglichst weit weg von sich selbst ... für meine Begriffe einer der sichersten Wege, um möglichst perfekt in der Gesellschaft funktionieren zu können - aber eben auch in Richtung Drogengefahr ...

    "ich glaube, wir hatten es damals in Sachen Erziehung tatsächlich leichter"

    -> Und dazu für mich selbst jedenfalls ein ganz klares: "Nein!" Nein, ich hatte es weder leicht - noch auch nur leichter. Und ich denke, dass die meisten Menschen, die mich + meine Biographie ein bissel kennen - dem zustimmen würden. Ich hatte in meinen ersten 20 Lebensjahren die Hölle auf Erden ... täglichen Überlebenskampf ... ich litt fast jeden Tag Hunger, Schmerz, Durst usw. ... wurde täglich gedemütigt, gequält und ignoriert ... und ich war immer ganz alleine. Wer wollte das ernsthaft "leicht(er)" nennen?

    "Da ist der Griff zur Flasche oder den anderen Drogen zwar nie die Lösung des Problems, aber eine Möglichkeit, sich einen Fluchtweg, der nie eine Lösung sein kann und darf, in der Hinterhand zu behalten."

    -> Nein, und genau das ist eben keine Droge der Welt wirklich: Eine Möglichkeit! Manch einer mag sich das einreden ... vielleicht sogar selbst glauben ... alles schlimm genug. Doch es IST keine Möglichkeit. Nicht wirklich. Es ist nur der sichere Weg ins Aus, in die Tiefe, dem Absturz entgegen.

    "Werden hier in Deutschland wieder Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt, um von der mit ehrlicher Arbeit verdientem Geld sein Leben und das seines Lebenspartners und der gemeinsamen Kinder zu finanzieren, dann wird es sicher auch wieder ein lebenswürdigeres Leben in Deutschland geben, wo Drogen dann nicht mehr einen solch hohen Stellenwert haben werden wie es zum Beispiel jetzt der Fall ist!"

    -> Und damit schiebst Du (so scheint es mir jedenfalls) die Verantwortung weg von denjenigen - auf die Frage nach Arbeitsplätzen, auf die Existenz eines Lebenspartners oder sonstwas. Es mag gern sein, dass all das eine Rolle spielt ... dass es die Entscheidung für oder gegen Drogen einfacher macht ... alles möglich. Aber schlussendlich entscheidet der Mensch ganz allein selbst.

    Auch hier MUSS ich das glauben ... ganz, ganz fest glauben ... dass der Mensch eben NICHT zwingend das Produkt seines Umfeldes ist oder sein wird oder gar bleibt oder so. Sonst hätte Leben für mich ja keinen Sinn mehr - nach diesen 20 ersten Lebensjahren. Ich BRAUCHE einfach den Gedanken, dass ich immer selbst entscheiden kann - damit es sich lohnt, morgens aufzustehen und weiterzugehen. Und bisher gibt mir mein Leben ja auch Recht. Meine Startbedingungen waren extrem widrig ... viele, viele Male gab es Wegkreuzungen mit breiten Wegen in die Tiefe ... durch Alkohol, Straßenleben, Kleinkriminalität oder sonstwas. Ich hätte es wesentlich einfacher gehabt, hätte ich mir als Kind Essen gestohlen ... und sei es der (meist noch tolerierte) Mundraub. Sicher hätte ich sagen können: WENN ihr mir satt zu essen gebt - DANN wäre mein Leben lebenswerter und die Verlockung des Diebstahls nicht so groß. Sicher wären evtl. Strafen auch nur sehr gering ausgefallen - hätte ich gestohlen. Ich WOLLTE aber nicht. Weil es mir geschadet hätte. Weil ich wenigstens meine SEELE und MEINE Entscheidungen "sauber" halten wollte - wenn schon von außen so viel Schmutz draufkommt. Folglich bin ich fest davon überzeugt, dass es schlussendlich immer meine ganz ureigenen Entscheidungen sind - und nur teilweise die Umstände oder sonstwas von "außen" ... die zu Drogen hin oder von ihnen weg führen.

    "Drogen sind eben nicht mehr nur eine Frage der Willensstärke, sondern auch ein Irrweg raus aus den Herausforderungen unserer Gesellschaft"

    -> Ja, sie sind ein Irrweg ... und auch ja, es ist sicher nicht NUR eine Frage der Willensstärke ... ich selbst glaube immer, dass mein Wille nicht besonders stark ist ... doch für den einen Moment, die eine Minute oder so - hat er eben immer ausgereicht. Und im nächsten Moment war dann wieder für diesen Moment genug da.

    Ich persönlich glaube ganz fest daran, dass Gott uns immer auch die Kraft gibt, um mit den Schwierigkeiten in unserem Leben zurecht zu kommen, um sie überleben und gut für uns nutzen zu können ... wir müssen nur vertrauen - denn die Kraft ist nicht schon vorher da und schon gar nicht für den ganzen Weg auf einmal. Sondern eben immer nur für den einen Moment, wenn er da ist. Und dann für noch einen. Usw. Und wenn sie alle ist - dann trägt er uns. Und wenn er Gewalt usw. nicht von uns abwenden kann - dann sorgt er dafür, dass wir nicht zerbrechen, dass irgendwas Positives daraus wird. Wie bei Dornröschen - und dem Fluch der verärgerten 13. Fee.

    "Ich wünsche und hoffe, dass bei weiterer Zunahme der Globalisierung die Weichen wieder einmal zugunsten unserer Mitmenschen gestellt werden"

    -> Und dafür meine volle Zustimmung!!! sehr gut Ja, das hoffe und wünsche auch ich. Und was ich so in meinem Umfeld und in meinem Alltag dafür tun kann - das tue ich dafür. Wenn das jeder macht - ist schon viel geholfen.

    Sonnige Grüße von der Gänseblümin.

    (die sich durchaus bewusst ist, dass manche meiner Worte hier schwierig für andere sind oder sein könnten ... die aber dennoch nicht anders kann - eben vor ihrem ganz persönlichen Hintergrund)

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