Bei meiner Zusatzausbildung zum Bsonderschullehrer hatte ich ein Schlüsselerlebnis mit sog. Autisten an der Heckscher Klinik. Ich machte ein Praktikum in einer anderen Klasse, wollte aber wenigstens einmal einen Tag lang erleben, was passiert, wenn ich "Autisten" begegne und nicht an Autismus glaube. Ich wollte wissen, was passiert, wenn ich die betroffenen Kinder für genauso normal oder verrückt halte wie mich oder den Kultusminister.
3 Kinder waren an dem Tag da, 1 Mädchen und 2 Buben. Der Weg in die Klasse führte durch Gittertüren wie ins Gefängnis, das irritierte mich sehr. Dann warnte mich auch noch der Lehrer, ich solle dem Mädchen nicht zu nahe kommen, sie habe ihm erst letzte Woche das Gesicht zerkratzt. Rumms, das saß! Ich wurde ganz klein und verzog mich in die Ecke. Nach ca. 1/4 Stunde kam ich wieder zu mir und erinnerte mich an mein Vorhaben: Ich strahlte wie ein Kachelofen: "Ihr seid OK, ihr habt ganz wunderbare, feine Kräfte,...." Von da ab begann immer mehr das Gegenteil dessen zu geschehen, was man von "Autisten" behauptet. Die müssten ja Blickkontakt und überhaupt Kontakt ablehnen, ja, sich ggf. heftig dagegen wehren. Mit dem Mädchen dagegen "flirtete" ich den ganzen Vormittag. Wir lächelten uns immer wieder zu und das Interesse wuchs. Nach 2 Stunden war Pause. Durch die Klasse ging ein Wall zusammengeschobener Bänke. Trotz offensichtlich großer Ängste kam das Mädchen hinter diesem Wall soweit wie möglich zu mir her. Sie sprach zwar nicht, aber sie hörte mir zu: meinen Worten, die ihr ihre Güte bestätigten.
Mit einem Buben war meist der Lehrer beschäftigt. Der andere nahm auch Kontakt mit mir auf. Er kam immer wieder her und zupfte mich am Ärmel, ging dann zum Papierkorb und setzte sich wieder auf seinen Platz. In der Pause kam er, hängte sich an mich dran und drückte mir einen Schmatz auf die Brust. Dabei drückte er mich, dass mir die Rippen wehtaten.
Hinterher berichtete mir der Lehrer, wie ihn der Beruf auslauge: es seien halt Autisten. Daraus wurde mir bewusst, dass das Meiden von Blickkontakt nicht nur ein Krankheitssymptom sein kann sondern auch ein kluger unbewusster Selbstschutz. Warum sollte ich in Augen schauen, aus denen mir tonnenweise aufgestautes "Du bist halt ein Autist!" entgegenknallt. Und in dieser Klinik - und nicht nur dort - schien es nur solche Augen zu geben, in die man besser nicht schaut. Aufgrund dieses Erlebnisses fiel mir auch eine neue, wie ich meine realere, Definition von "burn-out" ein: Beim "burn-out" verbrennt ja nicht der Mensch sondern bloß der Schmarrn, den er sich hat ins Gehirn setzen lassen.
Seitdem ich erlebt habe, was möglich wird, wenn man nicht an Autismus glaubt, habe ich nicht mehr aufgehört, nicht daran zu glauben. Ich möchte keineswegs bestreiten, dass da immer ein großes Problem ist, aber das ist bei jedem Menschen anders. Das größte Problem am Problem ist -´das weiß ich nun wieder aus langjährigen Forschungen - der verkehrte Umgang damit. Wenn ich Biographien von Betroffenen lese, war es immer schockierend, was man ihnen alles als Förderung angetan hatte. Oft hatten sie nur das Schlachtfeld geliefert für kleinkarierteste päd.,psych.,therap. Standardkämpfe. Mein Konzept dagegen ist die Hochachtung vor gerade den Kräften und Talenten im Menschen, die ihm andere absprechen. Dieses Absprechen wirkt, wenn man es nur untersucht, oft wie in tödlich lähmender Zauber. Wenn wir durch solch unbedachten, stümperhaften Zauber die Probleme so groß zaubern können, dann sollten wir doch durch ordentliches Zaubernlernen die Problementwicklung auch umkehren können. Das geht nach meinen Erfahrungen.
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er lebt auch von Worten. Und diese Worte nähren je nach Qualität die erwünschte oder die unerwünschte Realtät. ALLE unsere Worte wirken als Nahrung, sie wirken suggestiv. Wenn wir die Gesetze der Suggestion verstehen, können wir Entwicklungen gezielt beeinflussen. Ich grüße herzlich.
Franz Josef Neffe
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