Antwort: Waschzwang
Hallo!
Kommt mir auch recht bekannt vor: Vor einigen Jahren habe ich mir beim Duschen solange die Haut vom Körper geschrubbt, bis ich überall blutete ... manche Narben sieht man heute noch - und überhaupt hat meine Haut da wirklich sehr gelitten.
Bei mir lag es daran, dass ich mich nach diversen Missbrauchserfahrungen einfach immer furchtbar dreckig gefühlt habe ... und dann immer das Gefühl hatte, die Hände etc. noch immer überall auf der Haut zu spüren ... obwohl das teils Jahre her war ... und das alles dringend und unbedingt von mir abschrubben musste, um es überhaupt irgendwie aushalten zu können.
Besonders schlimm fand ich auch immer, wenn mich jemand angefasst oder sonstwie berührt hat ... also die Hand geschüttelt ... in der Bahn am Arm gestreift ... oder was auch immer ... einfach obereklig fand ich das! *schüttel* Und wenn ich dann nicht sofort alles abschrubben konnte - wurde mir speiübel und alle Gedanken drehten sich nur noch um dieses Schmutzgefühl und den Ekel davor.
Ich hab meinen Waschzwang dann allein hinbekommen - aber eine therapeutische Begleitung ist sicher besser.
Ich hab irgendwann begriffen, dass es so einfach nicht weitergehen kann. Meine Hautärztin hat jedesmal die Hände überm Kopf zusammengeschlagen - und mir alles mögliche für später angedroht, wenn ich so weitermache. Außerdem war es mir immer weniger möglich, noch an einem halbwegs normalen Leben teilzunehmen. Selbst mein Arbeitsplatz gestaltete sich als immer schwieriger.
Deshalb beschloss ich irgendwann, dass das ein Ende haben muss. Ich habe Teilzeit beantragt - und jeden Tag geübt. Siehe z. B. auch mein Beitrag hier: http://www.imedo.de/group/topics/show/265-meine-ngste/2#p8648
Inzwischen (etwa 10 Jahre später) geht es mir ganz gut damit. Noch immer spüre ich manchmal den Reflex, ins Bad rennen zu wollen, wenn mir jemand die Hand gegeben hat ... vor allem, wenn es jemand Unsympathisches ist. Noch immer steigt kurz ein Ekelgefühl und eine Übelkeit in mir auf, wenn jemand (gerade jetzt im Sommer z. B. in der Bahn) mit seiner nackten Haut meine Haut berührt ... vor allem, wenn es mir grad eh nicht ganz so stabil geht. Noch immer passiert es mir, dass ich mich beim Duschen dabei ertappe, wieder loszuschrubben wie früher.
Aber es wird seltener. Und es gibt dafür immer mehr Momente, wo ich einfach den weichen Schwamm auf der Haut beim Baden ... oder die sanfte und lange Kopfmassage beim Friseur ... oder die Streicheleinheiten eines Freundes ... oder was auch immer genieße und das richtig toll finde.
Also: Ich würde Dir gern Mut machen! Es ist zu schaffen - und es kann wieder alles gut werden!
Sicher, einfach ist es nicht - doch das Schwierigste ist der erste Schritt. Wenn Du einmal losgegangen bist, geht es dann mit der Zeit immer besser.
Setz Dir kleine Teilziele - und belohne Dich dafür, wenn Du sie schaffst! Und wenns mal nicht so klappt - sei freundlich mit Dir und gib Dir jeden Tag eine neue Chance!
Und vielleicht magst Du Dir auch ein Sternchenbuch oder sowas anlegen? Ich hab eins - und da landen alle tollen Sachen und Momente drin ... wenn mir jemand was Liebes sagt oder schreibt ... wenn ich was Schönes erlebe ... wenn ich irgendwas geschafft habe ... jeder kleine Fortschritt ... alles eben. Und wenn ich mal wieder glaube, dass grad gar nichts geht ... oder ich gar nichts wert bin ... oder mich eh keiner mag ... oder ich völlig versage ... oder sowas halt ... - dann schau ich da rein, lese, freue mich und weiß wieder, dass es eben solche und solche Tage gibt. Und dass es nicht jeden Tag steil bergauf gehen kann. Manchmal muss man eben auch Innehalten und Anlauf nehmen oder einfach mal Durchatmen oder so.
Sonnige Grüße von der Gänseblümin.