Niere - Medizinlexikon

Synonyme: Ren

paariges, bohnenförmiges, etwa 160 g schwere, retroperitoneal gelegenes Organ. Anat. Länge 10–12 cm, Breite 5–6 cm, Dicke 4 cm. Die N. sind beidseitig der Wirbelsäule gelegen. Die li. N. liegt zwischen Th12 u. L3, die re. liegt 4 cm tiefer. Das Organ ist von einer fibrösen Kapsel umgeben (Nierenkapsel), die wiederum von einer Fettkapsel umhüllt ist. Histol. Grobstruktur: 1. Nierenmark (Medulla renalis): a) Nierenpyramide (Pyramis renalis), Spitze (Papilla renalis) hilumwärts gerichtet, in den Nierenkelch (Calix renalis) mündend, Basis zur Kapsel zeigend; b) Markstrahl (Pars radiata) – von der Pyramidenbasis radiär Richtung Kapsel ziehend. 2. Nierenrinde (Cortex renalis): a) Bertin-Säulen (Columnae renales), zwischen den Seitenflächen benachbarter Pyramiden, b) Rindenlabyrinth (Pars convoluta), zwischen den Markstrahlen. Mikrostruktur: 1. Malpighi-Körperchen (Corpusculum renale): a) Gefäßknäuel (Glomerulus), Kapillarnetz, b) Bowman-Kapsel (Capsula glomeruli), zwei Epithelblätter, dazwischen Kapsellumen, dessen Ausgang führt in: 2. Nierenkanälchen (Tubulus renalis): a) Hauptstück (Tubulus proximalis), zuerst gewunden (Tubulus contortus prox.), dann gestreckt (Tubulus rectus prox.), einschichtiges kub. Epithel mit hohem Bürstensaum u. basaler Streifung (Einfaltungen des Plasmalemms, Basallabyrinth u. Mitochondriensäulen dazwischen), b) Überleitungsstück (Tubulus attenuatus), dünner Teil der Henle-Schleife, zuerst absteigend (Pars descendens), dann aufsteigend (Pars ascendens), einschichtiges Plattenepithel mit Zonulae occludentes (kein parazellulärer Transport), c) Mittelstück (Tubulus distalis), zuerst gestreckt (Tubulus rectus distalis), dann gewunden (Tubulus contortus distalis), einschichtiges kub. Epithel mit einzelnen Mikrovilli u. Basallabyrinth. Kapsel, Haupt-, Überleitungs- u. Mittelstück bilden das Nephron (Nephronum); die gestreckten Teile des Tubulus (Tubulus rectus prox., Tubulus attenuatus, Tubulus rectus distalis) bilden die haarnadelförmige Henle-Schleife (Ansa nephroni). Der Endteil des Nephrons, das Mittelstück, mündet in das Sammelrohr (Tubulus renalis colligens), dessen Endteil (Ductus papillaris) auf der Papilla renalis in den Nierenkelch mündet. Der gewundene Teil des Mittelstücks (Tubulus contortus distalis) bekommt Kontakt zum Gefäßpol des Malpighi-Körperchens seines Nephrons; dieser Kontaktpunkt ist die Macula densa, ein Teil des juxtaglomerulären Apparats. Das Blutgefäßsystem der Niere ist funktionell wichtig, dient gleichzeitig der Gliederung: 1. A. interlobaris, liegt in der Bertin-Säule u. grenzt den Lobus renalis ab; sie geht über in: 2. A. arcuata, die parallel zur Pyramidenbasis verläuft u. abgibt: 3. A. interlobularis, die den Lobulus renalis begrenzt u. 4. A. intralobularis abgibt. Aus ihr entspringt die 5. Arteriola glomerularis afferens, die das 6. Rete capillare glomerulare speist. Aus ihm kommt die 7. Arteriola glomerularis efferens, die in das 8. Rete capillare peritubulare mündet bzw. 9. Vasa recta abgibt, die in Gefäßbündeln (Fasciculi vasculares) parallel zu den Henle-Schleifen (Gegenstrom-Prinzip) in die Markpyramiden ziehen. Die Venen ziehen parallel u. heißen ident. Im Kapillarknäuel (Glomerulus) des Nierenkörperchens erfolgt kein Gasaustausch, das verlassende Gefäß (Arteriola glomerularis efferens) ist morphol. u. funktionell keine Vene. Die Blutversorgung der N. beträgt beim Menschen 1 700 l tgl. Sie bleibt auch bei Änderungen des Blutdrucks im großen Kreislauf zwischen 10,6 u. 26,6 kPa (80–200 mmHg) konstant. Diese Autoregulation der Nierendurchblutung beruht auf der Anpassung der Arteriolenweiten der kortikalen Nephrone an den Blutdruck, so daß in diesen Durchblutung u. Filtratmenge konstant gehalten werden. Als Ursache werden ein druckabhängiger Tonus der Vasa afferentia sowie eine durchblutungsabhängige Reninproduktion (Renin) u. entsprechende Angiotensineinwirkung (Angiotensine) auf die kortikalen Arteriolen diskutiert. Die juxtamedullären Nephrone u. ihre Vasa recta weisen keine Autoregulation auf, u. die Markdurchblutung steigt bei erhöhtem Blutdruck an. Sie beträgt normalerweise weniger als 10 % der gesamten Nierendurchblutung. Innervation: Die N. erhalten ihre Versorgung mit Vasomotoren sowie mit erregenden u. hemmenden sekretor. Nerven aus dem vegetativen Nervensystem. Die parasympath. Fasern verlaufen durch den N. vagus, die orthosympath. durch den N. splanchnicus. Das Zentrum der Vasomotoren für die Nierentätigkeit liegt am Boden des 4. Gehirnventrikels. Eine Verletzung dieser Stelle führt eine Erweiterung der Nierenarterien herbei, so daß Durchblutung u. Druck in den Glomeruli erhebl. ansteigen. Die Harnmenge ist dann unter starker Vermehrung der NaCl-Ausscheidung, oft unter Auftreten von Eiweiß u. Blut, vermehrt (Salzstich). Funktion: Die N. sind lebenswichtige Organe. Sie sichern die konstante Zusammensetzung der Körpersäfte, indem sie Endprodukte des Stoffwechsels u. körperfremde Stoffe mit dem Harn ausscheiden u. je nach den Erfordernissen des Organismus Menge, Zusammensetzung, osmot. Druck u. pH des Harns einstellen. Bei Versagen der Nierenfunktion häufen sich Stoffwechselschlacken an, u. der Organismus geht an Harnvergiftung (Urämie) zugrunde. Die Harnbildung beginnt im Glomerulus. Der Blutdruck preßt einen Teil des Blutplasmas durch die Kapillarmembran in die Kapsel der Nierenkörperchen. Von 1 200 ml Blut, die pro min durch die N. fließen, werden 130 ml eiweißfreies Ultrafiltrat gebildet. Das sind tgl. 180 l Primärharn, aus denen im Tubulus u. Sammelrohr 1,5 l Harn bereitet werden. Einige Stoffe, wie Glukose u. Aminosäuren, werden vollständig in das Blut zurückgeführt, so daß sie nicht im Harn erscheinen. Stoffwechselprodukte wie Harnsäure, Glukuronide sowie körperfremde Substanzen wie Farbstoffe, Penicillin, Diuretika, Paraaminohippursäure werden zusätzl. in die Tubulusflüssigkeit abgesondert. Daneben finden Austauschvorgänge von Na+, K+ u. H+ statt, wird Bikarbonat resorbiert u. Ammonium gebildet. Die Transportprozesse erfolgen über membrangebundene Enzymsysteme der Tubuluszellen u. bedingen den hohen (25 l/Tag) O2-Verbrauch der N. Harnstoff u. Wasser gehören zu den Stoffen, die nicht aktiv transportiert werden u. deren Wanderung durch den Konzentrationsgradienten verursacht wird. Das Wasser folgt passiv dem osmot. Gefälle u. wird zu 99 % in den Organismus zurückgeführt. Der größte Teil diffundiert bereits im Hauptstück zusammen mit den resorbierten Teilchen durch die Tubuluswand (obligator. Wasserreabsorption). Der Rest wird aus dem Sammelrohr osmot. abgesaugt, weil durch das Gegenstromsystem der Henle-Schleife im Nierenmark eine hohe Ionenkonzentration aufgebaut wird. Diese fakultative Wasserresorption ist nur mögl., wenn unter der Wirkung von Vasopressin die Sammelrohrzellen wasserdurchlässig sind. In diesem Falle kann eine Harnkonzentrierung bis auf 1 300 mosmol/l stattfinden. Fehlt das antidiuret. Hormon, so wird hypotoner Harn ausgeschieden. Die Nierenfunktion wird durch nervale u. humorale Mechanismen gesteuert. Das Vasopressin (antidiuretisches Hormon) des Hypophysenhinterlappens steuert die Wasserretention durch die N. Die Mineralokortikoide der Nebennierenrinde beeinflussen den Kationenaustausch, insbes. die Na+-Reabsorption. Vom juxtaglomerulären Apparat der N. wird die Protease Renin gebildet. Diese beeinflußt über das Angiotensinsystem die glomeruläre Durchblutung, steuert die Aldosteronsekretion (Aldosteron) u. hat Bedeutung für die Blutdruckregulation des Organismus. In den N. wird Erythropoetin gebildet, welches die Erythropoese beeinflußt. Unter azidot. Bedingungen erwirbt die N. die Fähigkeit zur Glukoneogenese aus Glutamin. Diese ist bei längerem Hunger für die Bereitstellung von Glukose als Energielieferant von Bedeutung. Das freiwerdende NH3 dient als Vehikel zur Ausscheidung von H+-Ionen (Kompensationsmechanismen im Säure-Basen-Haushalt, Glutamat-Glutamin-Stoffwechsel). Abb. 1 bis 4. Tab.

Niere (Abb. 1). Histologischer Schnitt, Gefäßinjektion, Erythrosingegenfärbung; Rinde mit vielen Malpighi-Körperchen
Niere (Abb. 1). Histologischer Schnitt, Gefäßinjektion, Erythrosingegenfärbung; Rinde mit vielen Malpighi-Körperchen
Niere (Abb. 2) und ihre Gefäßversorgung.<br />1: A. interlobaris; 2: A. arcuata; 3: A. interlobularis; 4: Arteriola glomerularis afferens; 5: Rete capillare glomerulare; 6: Arteriola glomerularis efferens; 7: Rete capillare; 8: Arteriolae rectae; 9: V. in
Niere (Abb. 2) und ihre Gefäßversorgung.
1: A. interlobaris; 2: A. arcuata; 3: A. interlobularis; 4: Arteriola glomerularis afferens; 5: Rete capillare glomerulare; 6: Arteriola glomerularis efferens; 7: Rete capillare; 8: Arteriolae rectae; 9: V. in
Niere (Abb. 3). Nephron mit Corpusculum renale (Malpighi-Körperchen) u. Tubulus renalis, bestehend aus<br />1: Pars convoluta (Mittelstück); 2: Corpusculum renale; 3: Pars convoluta (Hauptstück); 4: Pars recta (Hauptstück); 5: Pars recta (Mittelstück); 6:
Niere (Abb. 3). Nephron mit Corpusculum renale (Malpighi-Körperchen) u. Tubulus renalis, bestehend aus
1: Pars convoluta (Mittelstück); 2: Corpusculum renale; 3: Pars convoluta (Hauptstück); 4: Pars recta (Hauptstück); 5: Pars recta (Mittelstück); 6:
Niere (Abb. 4). Histologischer Schnitt, HE-Färbung; Innenzone des Marks mit Sammelrohren u. Ductus papillares
Niere (Abb. 4). Histologischer Schnitt, HE-Färbung; Innenzone des Marks mit Sammelrohren u. Ductus papillares

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