Tumormarker - Laborwerte-Lexikon
Hintergrund
Tumormarker sind Substanzen, die von den Krebszellen selbst oder vom Körper als Reaktion auf die Krebszellen gebildet werden.
Es gibt viele verschiedene Tumormarker. Ein Teil davon bleibt auf den (Krebs-)Zellen. Ein Teil aber wird ins Blut oder andere Körperflüssigkeiten freigesetzt.
Die Hoffnung, dass eine Konzentrationserhöhung ins Blut freigesetzter Tumormarker frühzeitig (vor Einsetzen erster Beschwerden) und zuverlässig Hinweise auf eine bestehende Tumorerkrankung gibt, hat sich bislang nicht erfüllt.
- Zum einen steigen Tumormarker nicht bei allen Patienten an. Es gibt z.B. Tumoren, die den Tumormarker gar nicht tragen, obwohl es an sich »ihr« Tumormarker ist. Andere Tumoren tragen den Tumormarker zwar, setzen ihn aber nicht frei oder sind so schlecht durchblutet, dass nur wenig ins Blut gelangt. Die Tumormarker übersehen also sehr viele Tumoren, d.h. ihre Empfindlichkeit (Sensitität) ist gering.
- Zum anderen sind Tumormarker nicht nur bei bösartigen Tumoren erhöht, sondern auch bei gutartigen Tumoren und oft sogar ganz anderen Erkrankungen. Ihre Spezifität ist somit ebenfalls niedrig.
Tumormarker als Suchtest bei Beschwerdefreien
Tumormarker sind aus den oben genannten Gründen nicht als Suchtest auf Krebs geeignet.
Von dieser Regel gibt es praktisch keine Ausnahmen, und selbst die sind unter Wissenschaftlern umstritten.
- Die eine ist die PSA-Bestimmung zur Früherkennung des Prostatakrebses. Obschon die Diskussion schon Jahrzehnte läuft, ist sie nach wie vor nicht beendet. Es werden durch das Screening Beschwerdefreier zwar mehr Tumoren entdeckt, es ist bislang aber nicht belegt, dass dies zu einem höheren Gesamt-Überleben führt.
- Die andere Ausnahme ist die NMP-Bestimmung im Urin. Der Wert ist noch ziemlich neu und große, neutrale Studien zu seinem Nutzen im Screening sind uns nicht bekannt.
Tumormarker zur Tumor-Früherkennung in Risikogruppen
Es gibt einige wenige Tumormarker, deren Bestimmung in regelmäßigen Abständen bei Risikogruppen zur Früherkennung sinnvoll ist:
- Das AFP bei Menschen mit erkrankungsbedingt hohem Risiko eines Leberzellkarzinoms und
- Das Kalzitonin bei Menschen mit familiärem Schilddrüsenkarzinom oder multipler endokriner Neoplasie.
Tumormarker in der Erstdiagnostik
Selbst wenn ein Patient mit tumorverdächtigen Beschwerden zum Arzt kommt, sind Tumormarker nicht Diagnoseverfahren der ersten Wahl. Sie sind lediglich in Einzelfällen zur Abgrenzung hilfreich, etwa wenn bei der Verdacht auf Lungen- oder Lebermetastasen besteht, aber es keinen Anhaltspunkt gibt, wo der Ursprungstumor sitzt.
Tumormarker in der Behandlungs- und Verlaufskontrolle
Auch wenn die Tumormarker in der Erstdiagnostik nur eine geringe Rolle spielen, so sucht der Arzt trotzdem bei fast jeder Tumor-Erstdiagnostik nach einem geeigneten (also erhöhten) Tumormarker.
Denn in der Behandlungs- und Verlaufskontrolle haben die Tumormarker einen hohen und unbestrittenen Stellenwert.
- Ist ein Tumormarker zum Zeitpunkt der Diagnose erhöht, so sinkt er danach bei einer erfolgreichen Behandlung ab.
- Im weiteren Verlauf weist ein Wiederansteigen des Tumormarkers auf einen Rückfall hin, oft bevor erste Beschwerden auftreten.
| Normales Vorkommen | Grenzwert1 | Tumormarker für | Andere Gründe für Erhöhung |
|---|---|---|---|
|
1Oberer Grenzwert, gemessen im Blut 2Schwangere mehr 3 Bestimmung aus dem Urin. Näheres zum NMP22 | |||
|
AFP (Alpha-Fetoprotein) | |||
|
Vor allem beim ungeborenen Kind. Später in geringen Mengen im Magen-Darm-Trakt |
8 IU/ml2 [TLD] |
Marker 1. Wahl für Leberzellkarzinom , Keimzelltumoren |
Gutartige Lebererkrankungen, vor allem Leberzirrhose , Hepatitis |
|
Beta-hCG (Humanes Choriongonadotropin) | |||
|
Praktisch nur in der Plazenta (Mutterkuchen) |
5 IU/l2 [TLD] |
|
|
|
CA 15-3 (Carbohydrat-Antigen 15-3) | |||
|
In Schleimhäuten und den Membranen um (Mutter-)Milchfett-Kügelchen |
40 U/ml [TLD] |
|
|
|
CA 19-9 2 (GICA, gastrointestinal cancer antigen) | |||
|
In vielen Schleimhäuten/Organen des Magen-Darm-Traktes, der Lungen sowie als Bestandteil des Lewis-Blutgruppensystems |
37 U/ml [TLD] |
|
|
|
CA 549 (Carbohydrat-Antigen 549) | |||
|
In den Membranen um (Mutter-)Milchfett-Kügelchen |
12 kU/l [KLL] |
Alternativ-Marker statt CA 15-3 für Brustkrebs . Dem CA 15-3 verwandt und vergleichbar |
Zahlreiche gutartige Erkrankungen, vor allem der weiblichen Brust, der weiblichen Geschlechtsorgane sowie der Leber |
|
CA 72-4 (Carbohydrat-Antigen 72-4) | |||
|
Vor allem beim ungeborenen Kind in vielen Geweben. Später in normalen Geweben höchstens in Spuren |
6 U/ml [TLD] |
|
|
|
CA 125 (Carbohydrat-Antigen 125) | |||
|
Vor allem in Epithelzellen der weiblichen Geschlechtsorgane. In geringen Mengen in anderen Epithelien (Deckgeweben) |
35 U/ml [TLD] |
|
Erkrankungen des Bauches und der weiblichen Geschlechtsorgane, z.B.:
|
|
CEA (Carcinoembryonales Antigen) | |||
|
Vor allem in der Dick- und Mastdarmschleimhaut, aber auch in vielen weiteren Epithelien (Deckgeweben) und Drüsen |
5,0 µg/l [TLD] |
|
Entzündungen von Leber, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm-Trakt und Lunge |
|
Chromogranin A (Cg A) | |||
|
Im Sekret neuroendokriner Zellen (Nervenzellen oder -verwandte, die Hormone produzieren) |
53 µg/l [TLD] |
Marker 1. Wahl für neuroendokrine Tumoren, z.B. Phäochromozytom , Neuroblastom , Insulinom , medullären Schilddrüsenkrebs , v.a. wenn diese nicht mehr »ihr« Hormon produzieren. |
Hypophysenadenom |
|
CYFRA 21-1 (Cytokeratin-19-Fragment) | |||
|
Bestandteil des inneren Gerüsts von Epithelzellen (Deckgewebszellen). V.a. in den Bronchien, aber auch in der Harnblase |
3,3 µg/l [KLL] |
|
|
|
Kalzitonin (Calcitonin) | |||
|
Hormon aus den C-Zellen der Schilddrüse, das den Kalzium- und Knochenstoffwechsel mit reguliert |
Frauen 7 ng/l, Männer 10 ng/l [GN] |
|
|
|
MCA (mucin-like carcinoma-associated antigen) | |||
|
In zahlreichen Epithelien |
15 kU/l [KLL] |
Alternativ-Marker statt CA 15-3 für Brustkrebs |
|
|
NMP22 (Nukleäres Matrixprotein) 3 | |||
|
In den Zellkernen des Harnblasen- und Harnwegsepithels |
6 U/ml |
Marker für Harnblasenkrebs |
|
|
NSE (Neuronenspezifische Enolase) | |||
|
In Nervenzellen und mit diesen verwandten Zellen, die Hormone produzieren |
12,5 µg/l [KLL] |
|
|
|
ProGRP (Pro Gastrin Releasing Peptide) | |||
|
Vorstufe des GRP, das in geringen Mengen in neuroendokrinen Zellen von Magen, Zwölffingerdarm, Lungen und Gehirn gebildet wird |
22 ng/l [TLD] |
|
|
|
PSA (Prostataspezifisches Antigen) | |||
|
Praktisch nur in der Prostata |
4 µg/l [TLD] |
Marker 1. Wahl für das Prostatakarzinom |
|
|
S 100 | |||
|
In ZNS, Herz- und glatten Muskelzellen, Haut (Epithelzellen, Melanozyten) und Nieren |
0,1 µg/l [TLD] |
Marker 1. Wahl für das (fortgeschrittene) maligne Melanom |
|
|
SCC (Squamous cell carcinoma Antigen) | |||
|
In Plattenepithelzellen |
3 µg/l [KLL] |
|
|
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Thyreoglobulin (Tg) | |||
|
Nur in der Schilddrüse |
50 µg/l [GN] |
Schilddrüsenkrebs (differenziertes Schilddrüsenkarzinom) |
Gutartige Schilddrüsenerkrankungen, z.B. Schilddrüsenvergrößerung , Morbus Basedow , autonomes Adenom |
|
TPA (tissue polypeptide antigen) | |||
|
Eiweißgemisch in zahlreichen Epithelien, das bei Zellteilungen freigesetzt wird |
95 U/l |
Eher Proliferations- als Tumormarker. Bei vielen bösartigen Tumoren erhölht, z.B. Brustkrebs , Lungenkrebs , Prostatakrebs , Blasenkrebs |
|
Tab. Übersicht über die häufigsten Tumormarker. Viele Tumormarker sind außerdem bei anderen fortgeschrittenen Tumoren erhöht, werden aber bei diesen nicht als Marker genutzt.
© 2008 Knaur Ratgeber Verlag, München
Tumormarker - Medizinlexikon
Synonyme: tumorassoziierte Antigene Tumorantigene
Gruppe von Substanzen (Hormone, Metabolite, Proteine, Enzyme, onkofetale Antigene; Tab. 1), die von der Tumorzellmembran exprimiert, in Körperflüssigkeiten aktiv sezerniert, auch passiv, z. B. bei Zerfall von Zellen, liberiert werden. Nachweis am Tumorzellpräparat o. in Körperperipherie (Blutplasma, Harn, Liquor u. a.) mögl., erlaubt Aussagen über Vorliegen, Verlauf u. Progn. neoplast. Erkrankungen. T. sind keine spezif. Indikatoren, erhöhte Spiegel können durch zahlreiche physiol. u. pathol. Reaktionen des Organismus verursacht werden. Höhe des Tumormarkerspiegels wird nicht nur von Tumorart bzw. dessen Größe u. Aktivität bestimmt, sondern auch von Syntheserate, Sekretion u. Elimination der T. Diese Faktoren deuten die Problematik der Validität von T. für die Klinik an. Einige T. korrelieren eng mit Tumorgröße, Aktivität u. Metastasierungsgrad, andere zeigen nur bei best. Pat. konkordante Tumormarkerspiegelverläufe. Hauptindikation aller gegenwärtig klin. etablierten T. (Tab. 2) ist bei nachgewiesenem Tumor die postoperative Verlaufskontrolle u. Überwachung bei Radio-, Chemo- u. Hormontherapie. Intrazelluläre Tumorantigene: onkofetale Antigene (tumorassoziierte Antigene), z. B. Alphafetoprotein, Gammafetoprotein, karzinoembryonales Antigen. Oberflächentumorantigene: onkofetale Membranantigene, tumorspezif. Transplantationsantigene, membranassoziierte Tumorantigene. Spezif. Membranantigene wurden zuerst an chem. induzierten u. an virusinduzierten Tumoren beschrieben. Tab. 1 u. 2.
© Elsevier GmbH, München
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