Epilepsie – wenn das Gehirn die Kontrolle verliert

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Wer an Epilepsie denkt, hat automatisch das Bild eines unkontrolliert zuckenden Menschen vor Augen. Doch so muss Epilepsie nicht unbedingt aussehen: Der epileptische Anfall ist zwar ein zentrales Symptom, doch ist die Krankheit selbst Auswirkung mehrerer, verschiedener Funktionsstörungen des Gehirns. Äußern kann sie sich auf unzählige Arten. Ein einzelner Anfall bedeutet dabei aber nicht unbedingt eine Epilepsie.

 

Trotzdem wird der Arzt den Patienten, auch nach dem ersten Anfall, genau untersuchen. Eine Elektroenzephalografie und eine Magnetresonanztomografie zeigen für gewöhnlich, ob es zu den für Epilepsie typischen Veränderungen im Gehirn gekommen ist. Die Ursachen der oft auch als Fallsucht bezeichneten Erkrankung sind vielfältig und müssen genau geprüft werden – denn manche von ihnen können auch für sich allein zur Gefahr werden. So kann ein Schlaganfall genauso zur Epilepsie führen wie Narben- oder Missbildung im Gehirn, eine Hirnhautentzündung oder eine genetische Veranlagung für die Krankheit. Das zeigt deutlich: Wann die Epilepsie zum ersten Mal auftritt, ist nicht vom Alter abhängig, sondern vom Auslöser. Sie kann ganz plötzlich auftreten oder sich langsam entwickeln.

Epilepsie stört die Erregungsleitung

Normalerweise behält das Gehirn die strenge Kontrolle über alle Impulse, die Nervenzellen untereinander austauschen oder an den Körper weiterleiten. Ordnung muss sein – besonders wenn es darum geht, die Befehle von der Schaltzentrale des Menschen richtig und vollständig an jeden noch so kleinen Winkel des Körpers zu übermitteln. Die elektrischen Impulse, die vom Gehirn ausgehen, wandern dabei geordnet an der Membran der einzelnen Nervenzellen entlang. Wie eine Welle arbeitet sich das elektrische Potential vor: Es erhöht – sozusagen im Vorbeigehen – das Ruhepotential einer jeden Zelle, bewirkt dadurch kurzzeitig ein sogenanntes Aktionspotential und kann dadurch weiter transportiert werden.

Bei einem epileptischen Anfall ist die Funktion der Nervenzellen plötzlich dramatisch gestört. Aus heiterem Himmel senden sie gleichzeitig elektrische Signale, die an die Nervenzellen im Körper und damit unter anderem auch an die Muskulatur weitergegeben werden. Die Auswirkung dieser Erregungsleitung hängt davon ab, welcher Bereich im Gehirn betroffen ist. Manchmal zeigt sich der Anfall nur durch eine kurze Bewusstseinspause. Andere Epileptiker nehmen etwas wahr, das so gerade nicht passiert, werden ohnmächtig oder fangen an zu zittern. Daneben gibt es auch die eher bekannten Anzeichen wie krampfende Muskeln. Insgesamt dauert so ein Anfall etwa ein bis zwei Minuten an. In seltenen Fällen ist ein Herz-Kreislaufstillstand möglich. Von einer Epilepsie sprechen die Ärzte, wenn es zu mindestens zwei Anfällen gekommen ist.

Wann der nächste Anfall auftritt, lässt sich nicht vorhersagen. Allerdings scheint es gewisse Auslöser, sogenannte Trigger, zu geben, die die Entstehung eines epileptischen Anfalls begünstigen. Dazu gehören neben Erkrankungen mit Fieber auch flackerndes Licht, Schlafmangel, der übermäßige Konsum von Alkohol und das Absetzen der Medikamente. Nicht bei jedem Epileptiker sind die Trigger dieselben – jeder spricht auf verschiedene Reize unterschiedlich an. Sind die individuellen Auslöser der Epilepsie bekannt, kann der Betroffene versuchen, sie zu meiden und bei Konfrontation mit ihnen richtig zu reagieren.

Epilepsie richtig behandeln

Die Art der Behandlung hängt natürlich vor allem von der Ursache ab. Medikamente sollen möglichst eine weitgehende Anfallsfreiheit erreichen. Sie können die Epilepsie zwar nicht heilen, aber immerhin deutlich abschwächen. Bestimmte Ernährungsformen, wie beispielsweise die ketogene Diät, können ebenfalls das Auftreten erneuter Anfälle eindämmen. Dabei ernährt sich der Epileptiker fettreich, aber kohlenhydratarm. Die ketogene Diät sollte allerdings nur unter ärztlicher Aufsicht begonnen werden – vor allem bei Kindern. Manchmal bringt auch eine Operation Erleichterung. Ist die Ursache erst einmal behandelt, verschwindet oft auch die begleitende Epilepsie. Die Prognose der Epilepsie hängt vor allem vom Anlass der Erkrankung und vom Alter des Betroffenen bei seinem ersten Anfall ab. Eine Psychotherapie ist oft sinnvoll, um den Betroffenen zu helfen, im Alltag besser mit ihrer Erkrankung zurechtzukommen.

Im akuten Notfall geht es vor allem darum zu verhindern, dass sich der Betroffene selbst verletzt. Durch die Kontraktionen von Muskeln kann es zu oftmals sehr heftigen, unbeabsichtigten Bewegungen kommen. Diese unwillkürlichen Krämpfe können ernste Verletzungen zur Folge haben: Bissverletzungen, Prellungen, sogar Wirbelkörperbrüche sind möglich. Wenn möglich ist der Epileptiker deshalb in die stabile Seitenlage zu bringen – gerade auch um die Atemwege freizuhalten. Im Zweifelsfall empfiehlt es sich, Schals oder Schmuck, die den Betroffenen behindern oder einengen könnten, für die Dauer des Anfalls abzunehmen. Atmung und Herztätigkeit müssen bis zum Eintreffen der Rettungskräfte genau überwacht werden. In den meisten Fällen haben Epileptiker passende Medikamente bei sich. Sogenannte Antikonvulsiva bringen die verkrampften Muskeln dazu, sich allmählich wieder zu lockern. Leichte Anfälle wirken sich für gewöhnlich nicht dauerhaft auf das Gehirn aus, schwere können dagegen zu bleibenden Folgeschäden führen.

 

Jenni Graf